"Süße Sünden"  aus der Sammlung 'Made in Bavaria'

                                                                         „Süsse Sünden“

 

         Die komplette Story!

 

 

 

 1. Endlich angekommen

 

Kilian war sich schon nicht mehr sicher, dass es eine gute Idee war, diese Wohnung zu kaufen, als die Tinte auf dem Kaufvertrag noch feucht war.
Die Entscheidung war sehr schnell gefallen. Seine Mutter war alt. Sein Vater schon lange tot und seine Schwester hatte eine große Familie. Kilian sah seine Verantwortung und das Angebot vom hiesigen Krankenhaus war einfach zu verlockend.
Die Oberarztstelle war gut bezahlt und er konnte sich endlich so in seine Arbeit einbringen, wie es in der Uniklinik in Berlin niemals möglich gewesen wäre. Dort hätte er für die Karriere viel mehr Ellenbogen gebraucht, oder Beziehungen, oder aber er hätte lernen müssen die richtigen Ringe zu küssen. Das lag ihm noch nie.
Kilian hatte das Angebot des Krankenhauses seiner Heimatstadt angenommen und war zurück aus der großen Stadt.  Sein Chefarzt schätzte ihn und ließ ihm Freiheiten, die er sich nicht einmal in den kühnsten Träumen erwünscht hatte.
Dr. Kilian Ritter war ein begnadeter Unfallchirurg. Er hatte in Berlin eine erstklassige Ausbildung genossen und er war gründlich, geschickt und talentiert. Seine  Kollegen mochten ihn und er fühlte sich wohl in seinem neuen Team. Nur ein einziger Punkt schmerzte: Leider hatte er den Moment verpasst, direkt von Beginn an klar zu stellen, dass er schwul war.
Anfangs wartete er auf den richtigen Moment. Und dann war die Zusammenarbeit schon so eng und so vertrauensvoll, dass er es immer weiter hinausgeschoben hatte. Er fürchtete sich vor den  Reaktionen  seiner Kollegen und Kolleginnen.
Das war nicht typisch für Kilian und er ärgerte sich über sich selbst. War er doch der Meinung gewesen, dass er über diesen Punkt, nicht offen zu sich selbst stehen zu können, längst hinaus war. Wie es schien, war das nicht so und es frustrierte und belastete ihn.

 

Seine Jugend war schwierig. Er hatte in der Schule viel einstecken müssen und die blöden Witze über seinen Namen waren noch das Harmloseste dabei. Mittlerweile konnte er über den ‘Ritter Kilian‘ selbst schmunzeln.
Aber er erinnerte sich auch an grauenhafte, beschämende Szenen auf dem Schulhof und dem Schulweg. Als schließlich auch zuhause raus kam, dass er auf Jungs stand, hatte ihn sein Vater so verprügelt, dass er zwei Tage lang nicht aus dem Haus gehen konnte. Der feine Herr Rechtsanwalt hatte eine Schwuchtel als Sohn! Das hatte ihm der Vater zeitlebens nicht verziehen. Kilian Ritter musste sich mühsam frei kämpfen und lernen auf den eigenen Füssen zu stehen. Das ist nicht leicht, wenn man daran gewöhnt ist, immer alles zu bekommen. Die Möglichkeiten und auch die Mittel dazu.

 


Hätte ihm seine Mutter nicht jeden Monat einen Umschlag mit Geld nach Berlin geschickt, von dem er die Miete für seine Studentenbude bezahlen konnte, hätte das Studium wohl erheblich länger gedauert. So lernte er in den Nachtschichten  im Krankenwagen vieles was andere in Jahren nicht sahen und fand die Gewissheit, sich den richtigen Beruf ausgesucht zu haben. Nichts machte ihn so glücklich wie der Anblick eines Menschen, der nach einem schweren Unfall, geheilt auf den eigenen Füssen nach Hause gehen konnte.

 

Die Menschen hier in seiner Heimatstadt, waren nicht so offen und tolerant wie die Großstädter.
Er war hier geboren und zur Schule gegangen und nach der Schule war er mit fliegenden Fahnen nach Berlin abgerauscht. Nur weg aus der Provinz! Studium, Assistenzarztzeit, Facharzt, verschiedene große Kliniken und immer die große, anonyme Stadt, mit ihren unbegrenzten Möglichkeiten frei zu leben.
Wie frei er gewesen war, spürte Kilian als ihn seine neue Nachbarin gestern fragte, warum er denn heute erst so spät käme. Er war erst vor einer Woche in seine neue Wohnung eingezogen! Trotzdem kannten alle seine Nachbarn bereits seinen Namen, fragten  ob er sich gut eingelebt habe oder luden ihn zum Kaffee ein. Natürlich war das nur Freundlichkeit und Neugierde auf den neuen Bewohner im Haus, aber Kilian empfand es auch als Kontrolle.

 

 

 

Die Wohnung war schön geschnitten, mit einem großzügigen Balkon nach Westen. Jetzt war Herbst, aber im Frühling und im Sommer würde er herrliche Abende dort verbringen. Das Wohn und Schlafzimmer waren fertig eingerichtet, nur auf die Küche wartete er noch. Er hatte sich Küchenmöbel und Geräte ausgesucht und heute Abend wollte ein Mitarbeiter des Möbelhauses vorbei kommen um genau Maß zu nehmen. Es war eine Standard Küche, aber Kilian wollte einige kleine Extras.

 

Es klingelte an der Tür, als er gerade seine Jacke ausgezogen hatte. Der Mensch war pünktlich. Das ließ hoffen. Hatte er doch in den letzten Wochen etliche Horrorstorys über den Erwerb und Einbau neuer Küchen gehört.

Georg Weiderer vom Möbelhaus Seko kam die drei Stockwerke nach oben gelaufen. Er hatte den Aufzug zwar wohlwollend zur Kenntnis genommen, aber sich trotzdem das Treppenhaus angesehen. Die Küche, die Herr Ritter bestellt hatte, war nicht sehr umfangreich. Es schien kein Problem zu sein, die Elemente in den dritten Stock zu transportieren. Das war nicht immer so. Auf dem Klingelschild an der Haustür standen nur die Familiennamen der Hausbewohner. Auf dem schönen, kunstvoll gravierten Kupferschild an der Wohnungstür stand: Dr. Kilian Ritter. Georg musste grinsen. Ritter Kilian! Der Arme hatte das in der Schule sicher oft gehört.
Bevor Georg  an der Tür klingeln konnte wurde sie von innen geöffnet und der Herr Doktor stand vor ihm. Schmal, schlank und hochgewachsen. Blonde kurze Haare, warme, braune Augen, ein freundliches Gesicht.
„Grüß Gott. Weiderer, vom Möbelhaus. Sie haben eine Küche bei uns bestellt?!“
Eine Hand streckte sich ihm entgegen. Georg nahm sie und wunderte sich ein wenig über den Händedruck:
„Ritter. Guten Abend. Sie sind ja superpünktlich. Treten sie bitte näher.“
Kilian trat zur Seite um den Tischler einzulassen. Georg bemerkte den neuen Teppichboden  und war in Versuchung seine Schuhe draußen im Hausflur zu lassen. Er hatte den ganzen Tag gearbeitet und die Schuhe waren nicht wirklich sauber. Andererseits hatte er nach dem langen Tag sicherlich nicht mehr die frischesten Füße. Er entschied sich die Fußmatte zu benutzten und ging hinter Dr. Ritter in die Wohnung. Der Flur war hell und freundlich. Vier Türen, wie in vielen Wohnungen. Links die Küche. Geradeaus das Wohnzimmer und rechts das Bad und das Schlafzimmer. So vermutete er jedenfalls.
Die Küche was komplett leer. Der Boden war offensichtlich erst kürzlich neu gefliest worden. Georg gefiel das schwarz-weiße Rautenmuster. Die Wände waren  schneeweiß und glatt verputzt. Etliche Steckdosen schienen neu zu sein, zumindest sahen die Rahmen so aus. Georg sah sich um und nickte:
„Alles fertig, wie es scheint. Fehlen nur noch die neuen Möbel.“
„Ja, und die Geräte natürlich.“
Kilian musterte den Tischler von oben bis unten. Der bemerkte die Blicke nicht, weil er in seiner Mappe blätterte, um das Blatt mit der Planskizze zu finden, in die er die exakten Maße eintragen wollte.
Kilian gefiel was er sah. Herr Weiderer war genau der Typ Mann, der mit seinen Händen arbeitete. Sicher gut 1,80m  groß. Kräftig aber nicht zu muskulös, mit breitem Kreuz und dem für  viele Tischler typischen Pferdeschwanz. Wunderschöne, braune Haare, die allerdings etwas lieblos mit einem Gummi zusammen gebunden waren. Der kleine Finger an der linken Hand fehlte komplett. Der Unfallchirurg bemerkte es sofort. Die Narbe war glatt und unauffällig. Diese Verletzung war schon lange her. Allerdings schien der junge Mann einige Jahre jünger als er selbst zu sein. Er musste fast noch ein Kind gewesen sein, als das passiert war. Kilian hätte gern nach dem Unfall gefragt, aber sein berufliches Interesse war vielleicht doch zu persönlich.
Georg spürte die Blicke in seinem Rücken, aber er drehte sich nicht um. Seine Hände hantierten routiniert mit dem Lasermessgerät und dem Zollstock. Die Liste für die Maße lag auf der Fensterbank und der Bleistift steckte hinter seinem Ohr. Diese Arbeit duldete keine Fehler und weil es schon ziemlich spät war, konzentrierte sich Georg um keine zu machen. Die bestellten Küchenschränke hatten Norm Maße und  würden so auch passen. Es ging noch um die Arbeitsplatte, die genaue Position der Spüle und die exakten Höhen:
„Wie groß ist ihre Frau, Herr Doktor?“
„Wie bitte?“ Kilian konnte nicht folgen.
„Ihre Frau, wie groß ist sie? Wegen der Höhe der Arbeitsflächen und der Spüle.“
Kilian lachte verlegen:
„Ach, so! Ich werde hier kochen.“
Georg taxierte ihn einmal von oben nach unten. Kilian gefielen seine dunklen Augen.
„1,85m?“
„Stimmt. Sie haben ein gutes Augenmaß.“
Georg schenkte ihm ein Lächeln:
„Berufskrankheit.“
Er drehte sich um und schrieb etwas auf seine Skizze. Kilian fragte:
„Darf ich sie fragen was mit ihrer linken Hand passiert ist?“
Georg drehte sich abrupt um:
„Warum wollen sie das wissen? Der kleine Finger ist weg. Sieht man doch, oder?“
Er klang sehr sachlich. Sicherlich hatte er diese Frage schon oft beantwortet.
„Entschuldigung. Ich wollte nicht indiskret sein. Bin nur neugierig. Ist meine Berufskrankheit.“
„Sind sie Psychologe?“
„Unfallchirurg.“
„Oh.“
Unwillkürlich kam die Erinnerung an den Unfall zurück. Sehr plastisch und fast körperlich spürbar. Georg verzog das Gesicht und Kilian bemerkte seine Reaktion.
Es erstaunte ihn, dass er trotzdem eine Antwort bekam:
„So, wie sowas immer passiert. Ich hab nicht aufgepasst und bin mit der Hand in die Bandsäge geraten. Zum Glück habe ich nur den kleinen Finger verloren. Es hätte viel schlimmer kommen können.“
„Konnte der Finger nicht wieder angenäht werden? Bandsäge macht doch einen relativ glatten Schnitt?“
Georg spürte die Narbe wieder und griff unwillkürlich mit der rechten Hand darüber:
„In dem Kleinstadtkrankenhaus gab es keinen Handchirurgen, der sowas gekonnt hätte.“
Kilian nickte. Es tat ihm ein wenig leid, überhaupt gefragt zu haben. Er hatte genau bemerkt wie schmerzhaft die Erinnerung an den Unfall für den Tischler war.
Georg Weiderer war fertig für heute und packte seine Sachen wieder in die Mappe. Er zückte einen Terminkalender und blätterte zwei Wochen weiter. Eher würde die Lieferung sicher nicht komplett sein:
„Ich habe alles. Jetzt müssen wir nur noch einen  Montagetermin ausmachen. In zwei Wochen, frühestens.“
Kilian nickte und ging ins Wohnzimmer um in seinen Dienstplan zu sehen:
„Kommen sie ruhig herein.“
Georg sah sich um und  Kilian versuchte eine Lücke in seinen Verpflichtungen zu finden. Es war schwierig:
„Wie lange wird die Montage ungefähr dauern?“
Georg dachte kurz nach:
„Vier bis fünf Stunden, sicherlich. Eher etwas länger, bis alle Leisten und Verblendungen  fertig sind und die Anschlüsse von Herd und Spüle gemacht sind.
Kilian sah von seinem Laptop auf:
„Entschuldigung, bitte setzten sie sich doch.“
Georg nahm sich einen Stuhl vom Esstisch. Er wollte sich mit der Arbeitshose nicht auf das helle Leder der Polstermöbel setzten. Kilian stand auf:
„Darf ich ihnen ein Bier anbieten?“
Georg hatte eigentlich schon Feierabend und wäre ganz gern schnell gegangen aber er hatte auch Durst:
„Ja, gern. Danke.“
Der Kasten stand auf dem Balkon und die Gläser im Schrank. Georg winkte ab:
„Ich brauche kein Glas.“
Kilian zog die zwei Kronkorken hoch und grinste:
„Flaschenkind?“
„Zwangsläufig. Wo wir arbeiten gibt es meistens noch keine Gläser. Die kommen erst dann wenn wir weg sind.“
„Stimmt eigentlich.“
Die Flaschen klickten aneinander:
„Prost.“

 

Georgs Blick ging immer wieder zu einer wunderschönen, außergewöhnlichen Pralinenschachtel, die mitten auf dem Tisch stand. Kostbarer dunkelgrüner Samt und eine schwarze, schimmernde Satinschleife. Kilian sah den Blick, zog die Schleife auf und öffnete die Schachtel. Der Duft der ihr entströmte war verlockend und Georg griff gerne zu, als Kilian ihm anbot:
„Bitte, bedienen sie sich. Ich mache mir nicht viel aus Schokolade. Meine Schwester hat mir die Schachtel zum Einzug geschenkt.“
„Danke.“
Die Pralinen waren so kunstvoll gearbeitet, dass es Georg fast leid tat eines dieser Schmuckstücke in den Mund zu stecken, aber sie dufteten und schmeckten so großartig nach exotischen Gewürzen und Aromen, dass es nicht bei einer einzigen blieb. Nur seine gute Erziehung verhinderte, dass er nicht mehr als drei Stück der Köstlichkeiten vernaschte.
„Herr Ritter, sie versäumen etwas! Ich habe noch niemals so gute Pralinen gegessen!
Wo hat ihre Schwester die wohl gekauft?“
Auf einem kleinen Label das an der Satinschleife klebte, stand:  “Süße Sünden“
Kilian dachte kurz nach:
„Ich glaube der Laden ist am Stadtplatz, in der Nähe der Kirche. Frauen lieben solche Sachen.“
Georg sah ihm einen Moment zu lange in die Augen und sagte ruhig:
„Das kann schon sein. Ich habe keine Frau.“

 

 

 

Die neue Küche würde am Freitag in zwei Wochen montiert werden. Ab 12:00 Uhr. Vorher würde Dr. Ritter nicht zuhause sein können.

 

Georg wusste jetzt schon, dass das ein langer Tag für ihn werden würde, aber dieser ‘Ritter Kilian‘ war ihm auch extrem sympathisch. Er hatte eine gute Aura und eine sehr angenehme Stimme. Georg schmeckte noch immer die Nougatsahne in seinem Mund und freute sich darauf, diese Küche einzubauen.


 

 

 

 

2. Schwarzarbeit

 

 

 

„Bitte, Dr. Ritter, können sie das nicht eben machen? Beim Hautarzt warte ich ewig auf einen Termin und übernächste Woche muss ich unbedingt gut aussehen!“
Kilian hatte sowieso Nachtdienst, aber eigentlich war das nicht so ganz korrekt, einer Krankenschwester Leberflecken während der Arbeitszeit zu entfernen. Schwarzarbeit sozusagen.
Schwester Sabrina hatte ihn schon vor einigen Tagen darum gebeten. Sie wollte in Urlaub fahren und natürlich im Bikini großartig aussehen. Der Cluburlaub den sie gebucht hatte war teuer, der neue Bikini auch und wenn sich in der Klinik schon kein geeigneter, das heißt gutaussehender, solventer Heiratskandidat finden ließ, dann vielleicht im Robinson Club in der Türkei. Er ließ sich erweichen:
„Na, gut. Holen sie ein kleines Besteck. Wo sind denn die Flecken?“
Sie holte Skalpell, Nadelhalter, Schere und Pinzette:
„Das ist ja das Problem! Mitten im Dekolleté.“
Kilian würde auf keinen Fall mit einer halbnackten Krankenschwester mit lebhafter Fantasie, allein bleiben. Blöde Gerüchte waren nur allzu schnell geboren:
„Zeigen sie mal her.“
Die drei dunklen Flecken waren wirklich nicht sehr sexy. Er verstand gut, dass Sabrina die los sein wollte. Kilian sah ganz genau hin und sagte dann ernsthaft:
„Sabrina, ich glaube wir machen das ganz offiziell. Mit Pathologie und allem. Die Flecken gefallen mir nicht. Es ist besser wenn wir sie untersuchen lassen.“
Die junge Frau erschrak ein bisschen:
„Aber das sieht doch nicht nach Hautkrebs aus, oder!? Ich hab die immer beobachtet und sie haben sich nicht verändert.“
Kilian machte ein ernstes Gesicht:
„Man kann es nicht wissen. Rufen sie mal die Hannelore dazu. Wir können das schon jetzt eben machen aber wir schreiben es ganz offiziell auf und schicken die Flecken zur Untersuchung.“
Schwester Hannelore kam und war  gerne zur Mithilfe bereit. Sie hatte sich das Lamento ihrer Kollegin über die Leberflecken schon lange genug angehört. Sabrina entblößte ihren prachtvollen Busen und legte sich auf den OP-Tisch unter die Lampe. Der Air Flow der  Klimaanlage blies kühle Luft über ihre niedlichen, rosa Nippel und ein anderer Mann hätte die Reaktion darauf wohl sehr anregend gefunden. Kilian drehte sich um und zog die sterilen Handschuhe an. Hannelore deckte die Brust ihrer Kollegin ab und fragte:
„Reichen fünf Milliliter Scandicain?“
„Ja sicher.“
Sabrina biss tapfer die Zähne zusammen, als er die örtliche Betäubung spritzte und Kilian schnitt und nähte sorgfältig, um das ansonsten makellose Dekolleté nicht mit einer hässlichen Narbe zu verunstalten. Sie wusste seine Bemühungen sehr zu schätzen:
„Vielen Dank! Das war wirklich super super nett von ihnen, Doktor Ritter!“
Ihr Überschwang war ihm ein wenig unangenehm und er verließ den OP-Saal zügig. Im Durchgang kam ihm Schwester Hannelore entgegen, die die benutzen Instrumente entsorgt hatte. Sie grinste über das ganze Gesicht:
„Nehmen sie es der Kleinen nicht übel! Sie wäre halt so gerne die Ehefrau eines Arztes. Ich hab ihr gleich gesagt, dass sie sich die Flecken von Frau Doktor Hartmann entfernen lassen soll, aber sie steht nun mal auf sie.“
Kilian grinste zurück:
„Da hat sie nun leider Pech.“
Er verschwand in der Umkleide und als er fertig umgezogen war, hörte er Schwester Hannelore zu Sabrina sagen:
„Der Doktor Ritter ist ein ganz Korrekter! Schlag dir den aus dem Kopf. Der ist überhaupt nicht der Typ für irgendwelche Verhältnisse auf der Arbeit. Viel zu sachlich und ernsthaft. Mit keinem einzigen Blick hat der auf deine Möpse gekuckt.“
Kilian lachte in sich hinein. Er hörte nicht mehr was Sabrina ihrer älteren Kollegin antwortete.

 

Mehr Arbeit im OP, gab es an diesem Abend für Oberarzt Ritter nicht.
Er schrieb überfällige Berichte und feilte am OP-Plan des nächsten Tages. Ruhige Nächte wie diese, machten Kilian nervös. Zu oft hatte er schon böse Überraschungen im Morgengrauen erlebt, wenn man nicht mehr damit rechnete. Aber hier war nicht Berlin. Und es gab durchaus auch mal ruhige Nächte. Was nun wirklich nicht als Standortnachteil angesehen werden konnte.

 

 


Morgen würde  endlich seine neue Küche geliefert werden. Kilian freute sich darauf, dass die Zeit mit belegten Broten und Kantinen- oder Restaurantessen endlich vorbei sein würde! Er kochte gern und gut. In den harten Jahren im Studium hatte er das zwangsläufig lernen müssen aber es machte ihm auch Spaß. Die besten Abende waren immer die gewesen, an denen viele um eine große Schüssel Spaghetti saßen und billigen Wein dazu tranken. Alle Probleme der Welt konnten an solchen Abenden gelöst werden!
Heutzutage trank er keinen billigen Wein mehr, aber den Abenden an dem wackligen Küchentisch in seiner Berliner WG trauerte er manchmal nach. Und natürlich fehlte ihm Mirko, sein on-off, mal ja mal nein, heute brennend heiß morgen eiskalt Gespiele für alles was Männern Spaß macht. Kilian war lange unglaublich verliebt in Mirko und hatte  darauf gehofft, dass aus ihnen ein Paar werden würde, aber Mirko war einfach zu flatterhaft. Ein Großstadtmensch, der beim Tanzen immer zur Tür sieht, ob nicht doch noch jemand besseres herein kommt. Jede noch so lange Leine, war für ihn am Ende doch zu kurz. Kilian hatte ihm jede Freiheit gelassen und es war oft schmerzhaft gewesen, den Mann den er liebte mit anderen flirten zu sehen.
Schließlich hatte er sich damit abgefunden und ihn weiter ziehen lassen, den schönen Gefährten. Sie waren immer noch Freunde und telefonierten regelmäßig aber für mehr hatte es einfach nicht gereicht. Kilian war zufrieden, dass er Mirko nicht mehr beim Flirten zusehen musste. Er dachte gern an die gemeinsame Zeit, aber es tat immer noch weh, den Mann, den er einmal so begehrt hatte, zusammen mit anderen zu sehen.

 

 

 

 

 

 

 

„Kommt der verdammte Kümmeltürke noch, oder muss ich wieder mal die ganze Küche mit dir alleine einladen?“
Georg seufzte und knurrte:
„Ich weiß nicht ob der Prinz aus dem Morgenland noch geruht heute Nachmittag zu arbeiten, aber ICH will fertig werden. Also werde ich nicht auf  Hakan warten, sondern anfangen. Komm, gib Gas Gustav!“
Der schwarze 3er BWM des Kollegen Hakan Özdemir rauschte auf den Parkplatz der Lagerhalle, als die Küche für Dr. Kilian Ritter schon fast komplett verladen war. Georg bedankte sich bei Gustav, dem Lageristen für die Hilfe und würdigte Hakan keines Blickes. Der beeilte sich seinen Werkzeugkoffer zu holen.
Das breite Grinsen auf seinem Gesicht verriet nur zu deutlich, dass die Mittagspause  deshalb länger gedauert hatte, weil er nicht nur gegessen sondern auch noch  eine schnelle Nummer mit seiner neuen Freundin aus dem Büro geschoben hatte.
Hakan war ein charmanter Typ, gutaussehend, sexy und außerdem nett. Die Frauen liebten ihn und er pflückte zu gern die Früchte wenn sie reif waren. Dabei blieb er immer korrekt und vernaschte  eine nach der anderen und alle nannte er: „Sonnenschein“.

 

Georg schwieg bis zum Stadtrand, dann sagte er süffisant:
„Versteh einer die Weiber! Was wollen die von einem wie dir? Elektriker! Sowieso immer einen ‘Kurzen‘ in der Hose!“
Hakan kannte jeden blöden Spruch über seinen Beruf und konterte:
„Nur kein Neid!“
„Wie lange kannst du heute bleiben? Bis wir fertig sind?“
Hakan überlegte kurz:
„Wenn wir das bis um vier Uhr schaffen. Ich hab meiner Schwester versprochen ihre Waschmaschine zu reparieren.“
Georg kannte diese Leier schon:
„Wie viele Schwestern hast du eigentlich?!“
Hakan ging nicht darauf ein. Er machte  am Freitag nur  äußerst ungern Überstunden. Nach einer weiteren Pause knurrte Georg:
„Hättest du beim Einladen geholfen, wäre es schneller gegangen.“
Hakan grinste ihn an:
„Kann schon sein, aber sie war so geil auf mich, da konnte ich einfach nicht nein sagen. Verstehst du doch, oder!?“
„Hakan, ich steh auf Kerle! Erzähl mir nichts von Muschis. Das macht mich nicht an.“
Der Türke lachte:
„Du hast ja keine Ahnung was du versäumst!“
 Georg schüttelte den Kopf und zirkelte den LKW in eine Parklücke vor Kilian Ritter‘s Haus.
Im Grunde mochten sie sich. Hakan war ein guter Monteur und konnte ziemlich zupacken, wenn er wollte. Georg wusste, dass er selbst heute die Küche komplett fertig stellen wollte. Es würde sicher schwierig sein, mit diesem Kunden noch einen weiteren Termin zu finden. Außerdem fand er selbst es extrem lästig wegen ein paar Kleinigkeiten noch einmal mit dem ganzen Werkzeug  irgendwo anzutreten. Georg Weiderer mochte es, wenn er nach getaner Arbeit zufrieden auf eine vollständige, funktionstüchtige und im Idealfall auch noch schöne Küche schauen konnte, bevor er seine Kunden verließ.
Kilian Ritter hatte sich eine sehr schöne Küche ausgesucht. Sie würde ganz wunderbar zu dem neuen Fußboden passen und wirklich erstklassig aussehen, obwohl die Möbel und Geräte nicht zum Teuersten gehörten, was das Möbelhaus zu bieten hatte. Aber Geschmack und Stil sind nicht unbedingt eine Frage des Preises.
Dr. Ritter hatte Beides. Geschmack und Stil. Georg konnte sich für schöne Möbel und geschmackvolle Dekorationen begeistern. Und er mochte den Stil, in dem Kilian seine Wohnung eingerichtet hatte. Zumindest, das was er bei seinem letzten Besuch davon gesehen hatte.
Natürlich waren sie um vier Uhr noch nicht fertig. Allerdings war fast alles komplett:
Oberschränke, Unterschränke, Kühl-Gefrierschrank, Herd und Dunstabzug waren eingebaut und angeschlossen, Spüle und Geschirrspüler waren installiert und die Arbeitsplatte war auch schon eingepasst. Es fehlten noch die Sockelleisten, die Wischleiste um die Arbeitsplatte und der kleine Essplatz  den Kilian sich ausgesucht hatte. Hakan wurde von seiner Schwester abgeholt. Wenigstens hatte er noch die Berge von Verpackungsmaterialien in den LKW geräumt, bevor er ins Wochenende verschwand.
Georg arbeitete ungerührt weiter. Kilian lehnte im Türrahmen und freute sich an seiner neuen Küche. Es war nicht so leicht gewesen sie so zu planen wie er es sich vorgestellt hatte, aber nun war er mit dem Ergebnis sehr zufrieden.
Die Sockelleiste für die Längsseite war zu lang um sie gut allein ablängen zu können und Georg fragte mit einem Lächeln:
„Ob sie wohl mal eben halten könnten, Herr Doktor?“
Kilian kniete sich neben Georg auf den Boden und ging ihm zur Hand:
„Den Doktor kannst du weglassen. Ich heiße Kilian.“
„Ist gut. Ich heiße Georg.“
Ihre Augen trafen sich kurz, dann kreischte die Stichsäge. Zu zweit ging es natürlich besser:
„Dein Kollege hatte es wohl eilig?“
„Am Freitag immer!“
„Und du nicht?“
„Mir ist lieber, wenn ich nicht nochmal kommen muss.“
Kilian schluckte:
„Ach, so.“
Georg biss sich  auf die Zunge. So wie es geklungen hatte, war es nicht gemeint gewesen. Kilian hatte zwar einen altmodischen Namen aber er war sympathisch und er roch so gut. Georg suchte nach einer Möglichkeit ihn näher kennen zu lernen, obwohl er sich noch nicht sicher war ob Kilian überhaupt an Männern interessiert war. Bis jetzt hatte er noch keine eindeutigen Signale empfangen, aber vielleicht gab sich der feine Herr Doktor ja auch nicht mit Handwerkern ab?
Kilian fand den Tischler mit dem breiten Kreuz und den geschickten Händen sehr anziehend und ertappte sich selbst dabei, nach irgendeinem Vorwand zu suchen um ihn nochmal herkommen zu lassen. Dann schüttelte er den Kopf und dachte: Frag ihn einfach, du Esel! Es war schon länger her, dass er sich jemandem outen und nach einem Date fragen musste. Sein Herz schlug schneller, als er nach den richtigen Worten suchte. Nebenbei hielt er ganz brav die Leisten und Abdeckungen die Georg ihm in die Hand gab. Als nur noch der kleine Tisch übrig war, der zusammengebaut werden musste, lächelte Georg:
„Macht Spaß mit dir.“
Kilian spürte wie seine Wangen rot wurden. Er drehte sich weg und  antwortete:
„Möchtest du was trinken?“
Georg hatte den Anflug von Röte gesehen.
„Kaffee wäre toll.“
„Gut, kommt sofort.“
Kilian ging in sein Wohnzimmer und zwei Minuten später hörte Georg das Mahlwerk einer vollautomatischen Kaffeemaschine. Der Duft von frischem Kaffee schwappte bis in die Küche und Kilian fragte:
„Milch und Zucker?“
„Nein, gar nichts. Danke.“
„Komm her. Im Sitzen schmeckt er besser.“
Georg hätte die Tasse Kaffee neben sich auf die Arbeitsfläche gestellt und weiter gearbeitet, aber so war es natürlich schöner. Wenn es ihm auch schwer fiel Konversation zu machen, ohne dass seine Hände beschäftigt waren. Sie saßen schweigend für zwei Minuten und jeder suchte nach den richtigen Worten. Als sich ihre Augen trafen, stand die unausgesprochene Frage plötzlich unangenehm zwischen ihnen wie ein Fremdkörper. Kilian hatte das schon lange nicht mehr erlebt aber er hatte sich schnell wieder unter Kontrolle:
„Hast du Familie?“
Wenn Georg gesagt hätte, dass er verheiratet wäre und drei süße Kinder hätte, wäre es nicht verwunderlich für Kilian gewesen. Eigentlich erwartete er es hier in seiner Heimatstadt nicht anders.
Georg war gnadenlos offen:
„Nee, ich bin schwul und Single.“
Kilian grinste breit aber bevor er antworten konnte, klingelte das Telefon. Er schaute auf die Nummer und sagte entschuldigend:
„Da muss ich fast ran gehen.“
Er nahm den Hörer hoch und Georg nahm seine Kaffeetasse und ging zurück an seine Arbeit. Kilian meldete sich und seine Stimme schlug sofort in einen zwei Oktaven höheren Ton um! Georg konnte nicht verstehen was gesprochen wurde weil er nach dem ersten, betont in die Länge gezogenem: „Hiiii, mein Schöner!“ die Tür hinter sich zumachte, aber es reichte aus um sich sicher zu sein, dass er seine Angel in den richtigen Teich werfen würde. Wer hätte das vermutet? So süß, so klischee!

 


Der kleine Tisch sollte an der Wand montiert werden, um ihn wegklappen zu können. Außerdem gehörten zwei Stühle dazu, die ebenfalls an die Wand gehängt wurden, wenn sie nicht gebraucht wurden. Die Löcher für die Halterung waren schnell gebohrt und der Tisch war sowieso schon vormontiert. Als Georg fertig war, bemerkte er, dass Kilian das Gespräch offensichtlich beendet hatte. Er klopfte trotzdem, bevor er in das Wohnzimmer ging:
„Ich bin soweit fertig. Wollen Sie…willst du noch mal schauen ob alles so passt?“
Kilian saß auf dem Sofa und war grün im Gesicht. Georg sah sofort, dass etwas nicht in Ordnung war:
„Schlechte Nachrichten?“
Er bekam keine Antwort, aber das Gesicht das Kilian machte war besorgniserregend. Georg ging zurück in die Küche und packte sein Werkzeug zusammen. Er rechnete damit, dass Kilian käme um die Arbeit abzunehmen, aber nichts dergleichen geschah. Georg legte den Lieferschein, die Gebrauchsanweisungen und Garantien für die Geräte auf die Arbeitsfläche und sah sich nochmal um. Er war zufrieden. Die Küche war wunderschön geworden und extrem praktisch geplant. Das gefiel Georg.
Kilian saß noch immer teilnahmslos auf dem Sofa. Er wollte allein sein. Er wollte weinen und schreien oder doch lieber kotzen. Das war noch nicht entschieden. Georg sah ihn an und fragte vorsichtig:
„Kann ich was für dich tun?“
„Geh einfach. Bitte.“
Georg sah das etwas Unangenehmes geschehen war und respektierte das:
„Ist schon gut. Ich finde allein raus.“
Georg ging, aber er würde später noch mal wieder kommen. Es war volle Absicht, dass er seinen Akku-Schrauber liegen ließ. Eine bessere Begründung wollte ihm im Moment nicht einfallen.

 

 

 

 

 

 

3. Schweinebraten

 

 

 

Kilian war froh als sich die Tür hinter Georg schloss. Obwohl er den Tischler sympathisch fand. Georg konnte nichts dafür, dass Mirko ihm den Tag so gründlich versaut hatte. Sein Magen rebellierte und sein Herz raste.
Aber warum? Er selbst hatte den Schlussstrich  unter ihre Beziehung gezogen, als er von Berlin weggegangen war. Er selbst hatte Mirko nicht gefragt, ob er vielleicht mitgehen würde. Auch in diesem Teil der Republik wurden gute Internisten gebraucht. Nein, Kilian war davon ausgegangen, dass Mirko nicht mit ihm leben wollte, dass er seine geliebte Stadt nicht verlassen wollte, dass er sich nie auf eine feste Partnerschaft einlassen würde, Exklusiv-Sex mit nur einem Mann inklusive!

 

Das schien nun alles Vergangenheit zu sein! Vor wenigen Wochen hatten sie sich zuletzt gesprochen. Da war Mirko noch das Partybiest das er immer war, solange Kilian ihn kannte. Heute aber hatte er ihm voller Freude  mitgeteilt, dass er umziehen würde. Nicht etwa in ein schickes Appartement in Berlin Mitte, nein in ein Bauernhaus in irgendeinem kleinen Kaff in Mecklenburg! Mecklenburg! Kilian schluckte noch immer an der ganzen Armee grüner Kröten aus Eifersucht, die in seiner Kehle steckte.
„Du hast mich ja nie gefragt!“ Hatte Mirkos Antwort gelautet und Kilian musste zähneknirschend zugeben, dass das stimmte.
„Und er hat gefragt?“
Wissen wollte er natürlich dann doch, wie das alles gekommen war:
„Ja, hat er. Mit allem Drum und Dran.“
„Wie, jetzt mit Ring oder…?“
„Ach, Quatsch! Nein! Sie brauchen ganz dringend einen Nachfolger für die Hausarztpraxis in seinem Ort. Und ich habe daran gedacht, wie du mal zu mir gesagt hast, dass wir in der Klinik doch nur die Knechte für die Chefs sind. Auf dem Land, da ist der Doktor noch wer. Robert ist Tierarzt. Er hat mich gefragt ob ich ihn besuchen komme und mal mit dem alten Doktor Brauer spreche, die Praxis ansehe und so. Kilian, du bist mein Freund. Du verstehst doch, dass ich nach einem Zuhause suche, oder? Nach was Eigenem und einem starken Partner, der klar und deutlich sagt, was er will.“
Kilian hatte geschluckt und gefragt:
„Und dieser Robert, der macht das?“
„Ja. Er ist der Erste, der mir das Gefühl gibt wichtig für ihn zu sein, so als Mensch. Der nicht nur den flippigen Schwulen in mir sieht, wie sonst alle Welt. Wir verstehen uns und ich werde zu ihm ziehen. Zunächst mal für ein paar Wochen. Ich weiß nicht ob mir das liegt ein Landarzt zu sein, aber ich werde es mir ernsthaft anschauen. Die Klinik hat mich für drei Monate beurlaubt. Dann möchte der alte Dr. Brauer in den Ruhestand gehen. Die Zeit will ich mir geben um mich zu entscheiden. Aber um ehrlich zu sein, ich freue mich riesig und war noch niemals in meinem Leben so glücklich!“

 

Kilian fühlte sich mies. Die Mischung aus unbegründeter Eifersucht, Schuldgefühlen und Wut über seine eigene Unfähigkeit zu erkennen, was sein Freund gebraucht hätte, ärgerte ihn maßlos! Mirko hatte nicht Unrecht. Er war oft in die: Party-Schwucke und lustiger Vogel-Schublade gesteckt worden. Sicher hatte er sich da auch eine ganze Zeit lang recht wohl gefühlt, aber augenscheinlich hatte er sich, so wie alle Männer ihres weitläufigen Freundeskreises, weiter entwickelt. Sie waren alle erwachsen geworden und jeder suchte nach seinem Platz. Beruflich und menschlich auch.
Mirko und Kilian hatten sich an der Uni angefreundet. Es hatte lange Zeit heftig zwischen ihnen gekribbelt. Wenn er ehrlich zu sich war, musste Kilian jetzt zugeben, dass er Mirko niemals richtig ernst genommen hatte. Beziehungsweise, er hatte ihm unterstellt  zu einer tiefen Bindung nicht fähig zu sein und deshalb hatte er nie mit Mirko über seine eigenen Gefühle für ihn geredet. Jetzt war der Zug wohl endgültig abgefahren.  

Er saß in der dunkel gewordenen Wohnung und starrte aus dem Fenster, bis sich sein Magen meldete, aber es war inzwischen viel zu spät um einkaufen zu gehen, um den neuen Kühlschrank zu füllen. Kilian stand schwerfällig auf. Die Glieder waren steif und sein Kopf  war leer. Er machte Licht und schaltete den Fernseher ein, um die Stille zu füllen und begann damit die Kisten voller Küchenutensilien, Geschirr und Besteck vom Balkon in die Küche zu tragen. Die Herbstnacht war kühl und es roch gut, nach feuchter Erde und dem Rauch aus einem Kamin. In einer Ecke lag Georgs Akku-Schrauber. Kilian grinste bei dem Gedanken, wann er den Verlust wohl bemerken würde? Wahrscheinlich erst am Montag in der nächsten Küche.
Er legte die Maschine im Flur auf den Schuhschrank und widmete sich wieder seiner Arbeit. Nebenbei knabberte er eine Tüte Kekse leer und lenkte sich mit dem Einrichten der Küchenschränke und dem Anlegen einer Einkaufliste  ab. Kilian war ziemlich gut darin, sich zu fokussieren aber er hatte auch immer noch Hunger. Auf keinen Fall würde er aber heute Abend schon wieder Pizza oder Burger essen!

 

Als die Kaffeemaschine, der Toaster und der Standmixer an ihrem Platz standen und die Tassen in dem Regal über dem Frühstückstisch, klingelte es an der Tür.
Im Hausflur stand Georg, in einer schwarzen Lederjacke, die Kapuze eines roten Hoody über dem Kopf, ein Baguette unter dem Arm und einen augenscheinlich heißen Topf der in ein Geschirrtuch gewickelt war, in den Händen.
Der Anblick war herzerweichend:
„Oh, Rotkäppchen kommt mich besuchen! Was hat das wohl zu bedeuten?!“
Georg grinste ihn ein wenig unsicher an:
„Kleiner Service von mir persönlich. Probefahrt auf dem neuen Kochfeld.“
„Hört sich gut an. Komm rein.“
Kilian nahm ihm den heißen Topf und das Brot ab und Georg zog sich die Jacke und die Stiefel aus. Seine langen Haare waren noch feucht von der Dusche und eine äußerst angenehme Wolke seines Aftershaves umgab ihn. Kilian schaute neugierig in den Topf und Georg sah sich in der Küche um:
„Sieht doch schon ganz wohnlich aus! Bist du zufrieden?“
Kilian sah ihn an:
„Ja sehr!  Hey, das sieht gut aus und duftet herrlich. Selbst gemacht?“
„Ja, klar! Schau ich so aus als würde ich noch bei der Mama wohnen!?“
Das Chili wurde auf dem brandneuen Herd nochmal richtig heiß und Kilian stellte zwei Teller auf den kleinen Tisch. Er dachte darüber nach, dass der Tischler ziemlich mutig war. Den Akku-Schrauber zu vergessen, hätte Zufall sein können. Hier mit einem Topf Chili aufzuschlagen war Absicht.
Sie aßen beide hungrig von dem langen Tag und es schmeckte großartig. Kilian neckte Georg:
„Das ist super! Warum bist du nicht verheiratet wenn du so gut kochen kannst?“
„Ich such noch nach dem Richtigen.“
„Und wie machst du das?“
„Ich ködere sie mit gutem Essen. A man’s heart‘s a casserole. Weißt es eh.“
Sein Lächeln und die Mischung aus Hochdeutsch, Englisch und einem Hauch Heimatdialekt klang unglaublich sexy. Der ganze Mann war unglaublich sexy. Kilian ertappte sich beim Starren.
Sie redeten über Kochen und Essen. Über die Arbeit, Sport und Hobbys. Es fühlte sich gut an. Vertraut, geborgen und Kilian verstand nicht, wieso das so war bis Georg fragte:
„Bist du eigentlich von hier? Es scheint so, aber manchmal kommt ein wenig Berlinerisch durch wenn du erzählst.“
Kilian erzählte von seiner Flucht in die Großstadt und Georg erzählte von seiner Jugend in der Zimmerei des Vaters. Am Tag seines Outing hatte er den Unfall, bei dem er den Finger verloren hatte.
„Wie alt warst du da?“
„Süße Sechzehn.“
„Wow, mutig.“
„Naa, blöd! Wenn ich noch zwei Jahre länger den Mund g‘haltn hätt‘, wär‘ meine Jugend nicht so ätzend gewesen.“
„Willst du drüber reden?“
„Wenn du mir von dem Süßen in Berlin erzählst, der offensichtlich dein Herz zerbrochen hat.“
Kilian wollte protestieren, aber Georgs braune Augen bohrten sich so eindringlich in seine, dass er fragte:
„Warum willst du das wissen?“
Georg zwinkerte ihm zu:
„Bin Tischler. Kenn mich aus mit Leim und Dübeln…“
Kilian grinste breit:
„Du bist ziemlich direkt.“
„Stehts nicht drauf?“
Kilian wurde es heiß und er musste zugeben, dass ihn Georgs Art zu flirten ziemlich anmachte. Es war Monate her, dass er Sex hatte und das letzte Mal war nur eine trotzige, anonyme Nummer in einem Darkroom  gewesen. Und natürlich hatte ihn Mirko‘s Anruf  wirklich tief getroffen und einen Kratzer in seinem Selbstbewusstsein  hinterlassen.
Georg wartete nicht auf eine Antwort.
Als Kilian aufstand und den Tisch abräumte, zog er ihn in eine Umarmung. Seine Arme waren stark, die Brust breit. Kilian wollte sich wehren, aber Georg knurrte:
„Komm her, ich weiß doch sowieso wie sehr du das jetzt brauchst.“
Mehr war es nicht. Eine Umarmung, dieses selbstsichere: Komm her! Und  ein heißer, langer Kuss mit viel Gefühl, spielerischer Lust und Zärtlichkeit.

 

So gut. So warm. So sicher hatte sich Kilian Ritter schon lange nicht mehr und vielleicht noch nie gefühlt! An der breiten, warmen Brust eines Mannes der mit seinen Händen arbeitete und der ohne diplomatischen Firlefanz, ohne eitles Gegackere und ohne Show einfach sagte was er dachte. Kein verkopftes Akademikerverhalten, sondern  pure Männlichkeit, die direkt zum Punkt kommt und sich nimmt was sie haben will.
Es war als öffnete ein Schlüssel endlich ein lang verschlossenes Schloss. Gefühle rauschten durch beide Körper und Georg musste sich zwingen, Kilian irgendwann  wieder los zu lassen. Er spürte die Erregung die er bei ihm erzeugt hatte und er wusste, dass sie  in Kilians Bett landen würden, wenn er es jetzt darauf anlegen würde. Es könnte sicher heiß sein, aber Georg wollte keine Trost- oder Mitleidsnummer. Er wollte mehr.
Zumindest wollte er ernst genommen werden:
„Können wir uns morgen sehen?“
„Willst du denn nicht bleiben?“
„Heute nicht.“
 Kilian konnte einen frustrierten Laut nicht unterdrücken.

 


„Morgen also? Nachmittags? Ich wollte auf die Frasdorfer Hütte gehen. Die haben einen göttlichen Schweinebraten und  selbstgemachten Kuchen.“
Kilian war perplex. Er hatte noch nicht einmal Bergschuhe. Seit seiner Rückkehr hatte er nur gearbeitet. Aber wenn er bergauf gehen musste um Georg wiederzusehen, dann würde er eben bergauf  gehen:
„Wo treffen wir uns?“
„Ich wohne in der Stadt, bei der Kirche. Um vier am Stadtplatz, ja? Der Weg zu dem Parkplatz für die Bergtour ist nicht so leicht zu finden, für Großstädter.“
Er lächelte und dieses Lächeln wärmte Kilian den Bauch, wie das heiße Chili das sie zusammen gegessen hatten.
„Siehst du mich als Großstädter?“
„Ja, schon.“
Georg ging und Kilian bemerkte nicht, dass auch er unsicher war. Kilian war so viel besser ausgebildet als er selbst und sicherlich gehörten einfache Menschen wie Georg, normalerweise nicht zu seinem Bekanntenkreis. Georg hatte ein gesundes Selbstbewusstsein und er war stolz auf seine Fähigkeiten aber er war nicht so dumm zu glauben, dass es so etwas wie Standesdünkel nicht geben würde. Gerade im Moment waren jedoch die Gefühle, die er für den schlanken Kilian entwickelte viel zu schön, um lange über irgendwelche Hindernisse nachzudenken.
Kilian aß die halbe Schachtel Pralinen leer. Es war gelogen, als er gesagt hatte, dass er sich nichts aus Schokolade machen würde. Seine Schwester wusste es besser.
Mit jedem Jahr, das er älter wurde, war es schwieriger wirklich gut auszusehen, zumindest mit wenig, bis gar keiner Kleidung. Kilian hatte den Ehrgeiz gehabt, in den Clubs oder der Sauna derjenige zu sein, der die Auswahl trifft. Die äußere Erscheinung war da das Einzige was zählte. Die Liebe hatte er bei dem ewig gleichen Spiel nicht gefunden. Nur Disziplin und Verzicht auf all die Köstlichkeiten die der Figur schaden.
Es waren wirklich außergewöhnlich köstliche Pralinen und Kilian schlief mit dem Gedanken an Georgs Lippen und dem sahnigen, nussig-süßen Geschmack in seinem Mund, ein.

 

 

 

 

 

4. Alpenglühen

 

 

 

Sein umfangreicher Einkauf am Samstagmorgen brachte Kilian einige interessierte Blicke diverser Mütter ein. Zumal er sehr gesund und vitaminreich einkaufte. An der Kasse des Supermarktes hörte er eine Frau, mit Blick in seinen Einkaufswagen, zu ihrer halbwüchsigen Tochter sagen:
„Dein Vater wäre gnadenlos verloren, wenn er so einen Einkauf machen müsste.“ 
Er hörte nicht mehr was die Tochter antwortete.
Als zuhause alles an Ort und Stelle war, der Kühlschrank und der Gefrierschrank voll, die Vorräte aufgefüllt und die ganze Küche betriebsbereit, betrachtete Kilian mit einer Tasse Kaffee in der Hand sein Werk und war sehr zufrieden. Er telefonierte kurz mit seiner Mutter und machte sich dann auf den Weg in die Stadt um sich ein Paar Bergschuhe, einen Day-Pack Rucksack und eine regenfeste Jacke zu kaufen. Alles Dinge, die er seit Jahren nicht gebraucht hatte. Es hatte lange Jahre gebraucht, bis Kilian Ritter über so etwas wie Urlaub überhaupt nachdenken konnte und selbst als er es sich hätte leisten können zu reisen, hatte er seine freie Zeit doch lieber am Wannsee verbracht und das Geld gespart. Die Schulden vom Studium wollten zurückgezahlt werden und seine Wohnung war auch zu einem großen Teil finanziert. Sein Auto war uralt, aber immerhin bezahlt.
Seit er seine neue Stelle angefangen hatte, war Geld kein sehr großes Problem mehr. Dieser Umstand machte ihn bei jeder Anschaffung  glücklich.

 


Als er sich in dem Bergsportladen am Stadtplatz umsah, fielen ihm die großartigen Landschaftsaufnahmen an den Wänden auf. Künstlerische Fotos, die nicht aus Werbeprospekten stammten. Wunderbare Gipfel und tiefe Schluchten bei Regen und Schnee, im gleißenden Sonnenlicht, oder in schwarz-weiß aufgenommen. Eine besonders reizvolle Aufnahme des Mont Blanc im Gegenlicht faszinierte  Kilian besonders.
„Schön, nicht? Warst du schon mal dort?“
Kilian zuckte zusammen. Hinter ihm stand ein großer schlanker Typ mit wettergegerbtem Gesicht. Vielleicht 45 oder 50 Jahre alt. Man konnte es nicht so genau sehen. Interessante  graugrüne Augen fixierten Kilian, der sich um eine sinnvolle Antwort bemühte:
„Oh, hi. Nein. Ich war noch nie am Mont Blanc.“
Der Mann taxierte seinen Kunden und fragte:
„Und was kann ich für dich tun?“
Kilian äußerte seine Wünsche und es zeigte sich schnell, dass man bei Montagne-Sport etwas von Sport und von Mode verstand. Eine funktionelle aber auch optisch ansprechende Jacke auszusuchen war keine große Kunst. Bei den Trekkingschuhen sah der Aufwand schon anders aus. Kilians Füße wurden genau vermessen, das Gangbild ermittelt und der Bedarf erfragt:
„Leichte Wanderungen also? Kein Fels? Kletterst du nicht gern?“
„Ich weiß nicht so genau. Ich bin noch nie geklettert.“
„Bist du nicht schwindelfrei?“
„Als Kind war ich es schon. Jetzt kann ich es nicht so genau sagen. Ich bin erst seit ein paar Monaten zurück, aus Berlin.“ fügte er an, als er den fragenden Blick sah. Ludwig Breitmeier schüttelte den Kopf:
„Großstadt, wäre für mich nichts. Zu viele Menschen, zu wenig Stille.“

 

Kilian probierte  drei Paar Schuhe an. Das Vierte passte perfekt. So perfekt, dass er sie gleich anließ. Leichte, unglaublich weiche Trekkingschuhe. Wasserdicht und mit einer Sohle die nicht mehr im Entferntesten an die groben und harten Bergschuhe seiner Jugend erinnerten.

 

Es war noch zu früh für sein Treffen mit Georg. Kilian schlenderte durch die Fußgängerzone, kaufte sich einen Kaffee und betrachtete die Menschen um sich herum. Obwohl Samstagnachmittag war und  die Geschäfte gut besucht waren, schien die Atmosphäre um so vieles entspannter als in der Großstadt. Sein Blick blieb am Schaufenster des kleinen Ladens gegenüber hängen: ‘Süße Sünden‘ stand in geschwungenen, goldenen Lettern auf der Scheibe. Fenster und Tür waren mit dunkelgrünem Holz eingefasst. Der Türgriff glänzte golden und frisch poliert. Kilian fühlte sich magisch angezogen und beschloss ein paar der köstlichen Pralinen für Georg zu kaufen.
Eine Türglocke kündigte sein Eintreten melodisch an. Ein verführerischer, orientalisch, mystischer Duft nach Kakao und exotischen Aromen erfüllte den ganzen Laden und die Auslagen präsentierten eine schier unendliche Auswahl an Schokoladen, Pralinen, Bonbons, kleinen Kuchen, und Konfekt. Dicker dunkler Teppich verschluckte die Geräusche und das Licht aus verschnörkelten Wandleuchtern war dimm und diffus.
Die Verpackungen und Dekorationen waren stilvoll und hochwertig, wie für kostbaren Schmuck oder wertvolle Geschenke. Prächtige, effektvoll beleuchtete Vitrinen zeigten dem Besucher eine begehrenswerte Vielfalt.
Noch ansprechender war nur der junge Mann, der offensichtlich der Besitzer des Ladens war. „Charles“, stand auf seiner dunkelgrünen Schürze.
Kilian starrte den schönen Mann an und wusste nicht was er sagen sollte. Charles erwiderte den langen intensiven Blick. Kilian stand da wie verzaubert und Charles fragte  mit samtiger, dunkler Stimme und einem dezenten französischen Akzent:
„Ein Präsent, also? Versuch einmal diese hier.“ Er reichte Kilian eine kunstvolle weiße Praline auf einem winzigen silbernen Tablett. Wunderschön verziert mit einer perfekten Rosette aus weißer Schokolade. Fast zu schade um sie zu essen, aber als das kleine Kunstwerk in seinem Mund zerging und ein Feuerwerk der Aromen auf seiner Zunge entflammte, wäre ihm beinahe ein lustvolles Stöhnen entschlüpft. Charles beobachtete ihn genau und ein kleines, ausgesprochen erotisches  Lächeln spielte um seine Lippen:
„Magisch, nicht wahr?“
„Der Geschmack ist unglaublich!“
Kilian probierte noch zwei weitere ebenso köstliche Pralinen und die pure Lust am Leben flutete sein Gehirn mit Glücksgefühlen und Euphorie.
Charles verpackte die Auswahl aus weißen und dunklen Pralinen in eine glänzende, blutrote Lackschachtel. Ein goldenes Label, “Süße Sünden“ versiegelte den Deckel. Als er sie Kilian lächelnd über die Theke reichte, murmelte er leise:
„Ich habe mein Bestes getan.“

 

 

 

 

 

Georg sah Kilian über den Stadtplatz gehen und ging ihm entgegen. Den Blick und das Lächeln, das sein Gesicht zum Leuchten brachte, als er Georg entdeckte, waren so umwerfend, dass Georg sich zusammen reißen musste um ihm nicht entgegen zu rennen. Die übergroße Freude sich zu sehen überraschte sie beide.

Kilian hätte sich als selbstsicher und souverän beschrieben und für seine Rolle im Berufsleben konnte er das auch ohne Einschränkungen behaupten. In seiner Familie war er ohne Zweifel das schwarze Schaf und in der Freizeit hatte er seine Rolle, hier definitiv noch nicht gefunden. Solange er der Nachbar, oder  der Kunde in einem Laden war, gab es keinen Zweifel in seinem Auftreten. Der Herr Doktor war stolz auf seinen Titel und selbst wenn er den nicht ständig vor sich her trug, so strahlte er doch große Selbstsicherheit aus.
In Berlin hatte es genügend Lokale, Clubs und was auch immer an Freizeitmöglichkeiten gegeben wo niemand seine Sexualität erklären, oder verheimlichen musste. Das war hier anders. Es gab wohl auch eine schwule Szene aber Kilian fühlte sich dafür zu alt. Er wollte keine nächtlichen Jagdausflüge mehr. Er wollte jemanden wie Georg, der sich freute ihn zu sehen und dessen Lächeln ihm fast die Füße wegzog.
„Hallo! Schön dich zu sehen!“
Er deutete auf die rote Schachtel mit dem Siegel des Pralinenladens:
„Ich dachte du magst gar keine Schokolade?“
Kilian hielt ihm die Schachtel hin und war ein bisschen froh, nicht jetzt und hier entscheiden zu müssen, ob ein Kuss oder eine Umarmung die richtige Begrüßung wäre:
„Das war eine Notlüge. Ich achte immer auf mein Gewicht. Die hier sind für dich.“
„Hey! Danke!“
Georg‘s Freude war echt und die Umarmung in die er Kilian zog, war zwar eher freundschaftlicher Natur aber doch lang genug um den Druck seines Beckens deutlich dort zu spüren wo es besonders schön ist.

 

Georg war nicht weniger unsicher als Kilian. In seinem Lebenslauf gab es ein paar unschöne Brüche und Makel und er hatte geplant, heute mit Kilian darüber zu sprechen um jede Unklarheit von vornherein zu vermeiden. Sicher wollte Georg auch Sex, aber das war nicht das Einzige was er wollte. Kilian würde sowieso irgendwann sehen, was es zu sehen gab, wenn sie sich näher kommen würden und das war unvermeidlich, wenn es nach Georg ging:
„Wo hast du geparkt?“
„Im Parkhaus.“
Sie gingen nebeneinander in die Richtung:
„Können wir mit deinem Auto fahren?“
„Ja sicher! Das Parkhaus schließt irgendwann. Wer weiß wie lange wir unterwegs sind?“
Georg grinste ihn frech an:
„Las mich mal nachdenken. Also heute ist Samstag. Na ja, Montagabend sollten wir wieder da sein.“
Kilian merkte zu spät, dass er ein bisschen verarscht wurde:
„Spinnst du! Ich muss arbeiten!“
Georg lachte:
„Ist ja schon gut! War nur Spaß! Am Abend sind wir zurück. Ist das Ok für dich?“
Kilian boxte ihn spielerisch in die Seite:
„Ja, klar ist das ok!“
Sie fuhren aus der Stadt heraus und die Sonne verschwand langsam hinter den Bergen. Der Spätnachmittag war golden und die Gipfel glühten im letzten Sonnenschein. Kilian hatte die Schönheit der Landschaft schon lange nicht mehr so bewusst wahrgenommen. Er fragte:
„Wie lange geht man da rauf? Wird schon bald dunkel.“
Georg legte eine warme Hand auf Kilians Oberschenkel:
„Bisschen länger als eine Stunde. Heute ist Vollmond. Da kann man den Weg später auch noch gut sehen.“

 

Kilian staunte nicht schlecht darüber, wie viele Leute heute Abend  zur Frasdorfer Hütte unterwegs waren. Die Wanderung war bei weitem nicht so einsam, wie er es erwartet hatte. Er hätte Georg gern ein wenig ausgefragt aber so sprachen sie über unverfängliche Themen und Georg spürte schnell, dass Kilian nicht so geübt darin war, bergauf zu gehen. Unsportlich war er aber nicht. Und selbst die Unsitte der Städter, dauernd aufs Smartphone zu schauen, legte er nach dem dritten Mal ab. Georg lächelte ihn an als er das Handy endgültig in die Innentasche seiner Jacke verbannte:
„Eingesehen, dass hier kein Netz ist?“
„‘Tschuldigung. Ich weiß, dass das eine unmögliche Angewohnheit ist.“
„Du wirst nichts versäumen. Das Beste kommt eh jetzt gleich.“
„Was meinst du?“
„Na, ja. Die überaus wichtige Entscheidung ob Helles oder Weißbier? Knödel oder Püree? Kraut oder Salat? Über was anderes kann man nach dem Essen auch noch nachdenken. Der Schweinebraten da oben ist erste Klasse. Meinst du die Leute gehen zum Spaß am Samstagabend hier hoch?“
Eine weitere halbe Stunde Anstrengung trennte sie noch vom Genuss und als nach einem kurzen Steilstück die heimelig beleuchtete Hütte in Sichtweite kam, hatte Kilian einen Bärenhunger. Draußen war die Luft kühl und klar gewesen. In der brechend vollen Berghütte schlug ihnen  warmer Dampf  entgegen. Die stickige Luft die durchsetzt war mit Küchendunst und Menschenschweiß nahm Kilian fast den Atem. Kein einziger Tisch war mehr frei. Nicht einmal ein einziger Stuhl. An einem großen runden Tische saß eine gemischte Gruppe, von der Georg augenscheinlich Einige kannte.
Sie wurden ausgesprochen nett begrüßt. Es wurde auf der Bank gerückt und gerutscht, bis Kilian und Georg sich zwischen zwei Frauen eingeklemmt, wieder fanden. Niemanden, außer Kilian schien die Enge zu stören. Auch störte sich keiner daran, dass die Tischgemeinschaft sich nur zufällig zusammengefunden hatte. Kilian brauchte einige Minuten um zu erkennen wer zu wem gehörte. Jeder beteiligte sich am Gespräch und der Wirt brauchte nicht lange um die Bestellungen der Neuankömmlinge aufzunehmen.
Das erste Bier verdunstete auf dem Weg in den Magen. Das Zweite begleitete den Braten mit Knödeln und Salat bei Kilian und mit Püree bei Georg. Es war ein lustiger und für Kilian sehr ungewöhnlicher Abend. Mit Freunden und Fremden gleichermaßen. Interessante Gesprächsthemen kamen auf. Bergtouren, Urlaube, Kinder und Enkel, alte Eltern und junge Lieben wurden besprochen. Es war lange her, dass Kilian sich in Gesellschaft so wohl gefühlt hatte. Alle waren hier rauf gegangen. Alle hatten geschwitzt. Äußerlichkeiten waren nicht so wichtig. Das Bier war kalt und das Essen war köstlich.
Kilian dachte heimlich über ein ‘Dessert‘ der besonderen Art nach. Er hatte den ganzen Abend so nah neben Georg gesessen, dass er seine Wärme spürte und diese Nähe war ausgesprochen erregend. Immer wieder kam ihm der Kuss von gestern in den Sinn. Georg war so selbstbewusst gewesen, sich seiner Sache so sicher, dass es unwiderstehlich war. Auch jetzt hatte er keine Gelegenheit ausgelassen, mit Kilian zu flirten, ihn scheinbar zufällig zu berühren und ihn anzulächeln, als sei er der wichtigste Mensch auf Erden. Selbst die Frage eines seiner Bekannten:
„Schiebt ihr zwei eigentlich zusammen?“ entlockte ihm nur ein Grinsen und eine nebulöse Antwort:
„Bissl was geht doch immer….“

 


Den obligatorischen Obstler nach dem schweren Essen, ließ Kilian aus, weil er noch fahren musste. Auch Georg blieb beim Bier, aber nach der dritten Halben legte er seine große Hand auf Kilians Oberschenkel und  was er da machte, zeigte ganz deutlich, dass er gern gehen wollte. Ihre Augen trafen sich und was Kilian in Georg‘s Blick sah, war eindeutig.
„Wollen wir dann zahlen?“
„Wollen wir!“

Draußen war es stockdunkel. Jedenfalls kam es Kilian so vor. Es dauerte ein paar Minuten, bis sich die Augen an das Mondlicht gewöhnt hatten. Die Luft war inzwischen so kalt, dass sie die Jacken gerne anzogen.
Oben in der Hütte spielte die Musik und niemand war jetzt mit ihnen auf dem Weg unterwegs.
Es war eine wunderschöne Vollmondnacht mit Nebelschleiern über den feuchten Wiesen und knirschenden Steinchen und knackenden Zweigen unter ihren Füssen. Ein kurzes Stück des Weges führte an einem Bach entlang, bis zu einer schmalen Brücke. Georg lachte leise:
„Ich weiß ja nicht wie es dir geht, aber ich muss pissen wie ein Rennpferd.“
Kilian lachte mit:
„Kindskopf!“ „Und!? Mach halt mit, oder bist feig?“
Das Bier rauschte in einem perfekten Bogen in den Bach und noch bevor Georg alles wieder verpacken konnte umarmte Kilian ihn von hinten und murmelte in sein Ohr:
„Ich hab schon den ganzen Abend Lust auf dich!“
Georg stützte sich am Brückengeländer ab und antwortete leise:
„Ich weiß! Ich doch auch! Aber zuerst hab ich was mit dir zu reden.“
Kilian ließ ihn nicht los: „Hey, so dramatisch? Ist es was Ernstes?“
„Weiß nicht. Kommt auf den Standpunkt an.“
Er drehte sich um und zog Kilian kurz an seine Brust.
„Komm, gehen wir weiter. Redet sich gut im dunklen Wald.“
In Kilians Bauch kribbelte es und in seinen Kopf formierten sich viele unangenehme Möglichkeiten. Er versuchte einfach ruhig und optimistisch zu bleiben, aber es war nicht so einfach.


 

 

 

5. Süsse Sünden

 

 

 

Es dauerte einige Minuten, bis Georg den Mut für sein Geständnis hatte. Sie gingen schweigend und die Stille zwischen ihnen wurde von Schritt zu Schritt schwerer. Kilian wusste aus eigener Erfahrung wie hart es sein konnte, unangenehme Dinge auszusprechen. Er blieb geduldig, aber innerlich baute sich Spannung in ihm auf. Er mochte Georg. Er wollte sehr gern mehr Zeit mit ihm verbringen und er spürte, dass hinter der rauen Fassade des Tischlers noch vieles verborgen lag was entdeckt werden wollte, allerdings waren die Signale die Georg heute Abend ausgesandt hatte, so widersprüchlich, dass Kilian nicht wusste, was er jetzt erwarten sollte.

 

Als er Luft holte um Georg zu ermutigen einfach zu sagen, was es zu sagen gab, fing Georg leise an zu sprechen:
„Kilian, ich steh echt auf dich. Das musst du wissen, weil…“ Er beendete den Satz nicht.

 


„Der Unfall mit der Bandsäge, das war an dem Tag, als ich mich zuhause geoutet habe. Da war ich sechzehn. Mein Vater hat mir keine ruhige Minute mehr gelassen. Wir haben eine Zimmerei zuhause. Kleinstadt  in Niederbayern. Ich habe gerade mit der Ausbildung angefangen. Danach war es die Hölle auf Erden. In der Nacht meines Achtzehnten, bin ich  dann davon. Nach München. Mit wenig Geld, ohne jemanden zu kennen, die Ausbildung abgebrochen.“
Kilian legte seinen Arm um Georgs Mitte und war fast ein bisschen überrascht, dass er nicht weggeschoben wurde.
„Zunächst war alles toll. Jugendherberge und jeden Abend Trallala, mit allem Drum und Dran: Alk, tanzen, Pillen, Rauch, Sex.“
Kilian wusste wovon die Rede war und knurrte Zustimmung.
„Geld war schnell alle. Ein hübscher Bengel hat mich angesprochen. Er wäre bei einer Escort Agentur. Sie suchten dort genau solche Jungs wie mich. Blablabla und so weiter.“
„Ein Zuhälter?“
„Am Anfang war es Spaß. Tolle Klamotten, schicke Bude, Fitness-Studio, lange schlafen, jeden Tag Party, reisen, Sex haben und dafür Geld kriegen, Fotos machen, Pornos drehen. Ich war dumm und naiv. Das richtige Geld haben andere verdient.“
Seine Stimme klang zunächst ganz ruhig, aber nach ein paar Minuten nicht mehr.
„Dann wurde es Arbeit. Richtig harte Arbeit! Ich hatte sie alle. Ich kenne sie alle. Die verklemmten Beamten, die großkotzigen Banker, die arroganten Akademiker, die Manager mit miesem Charakter! Sie betrügen ihre Frauen und sie betrügen sich selbst. Sie meinen, weil sie bezahlen, dürfen sie alles sagen und alles tun. Ich hab mir geschworen nie mehr mit so jemandem etwas anzufangen, der nicht dazu steht, dass er schwul ist, der meint was Besseres zu sein, weil er studiert hat, oder Schweinegeld verdient.“
Kilian schluckte einen Moment lang an dem was er gehört hatte. Dann stellte er die Frage, die ihm am Wichtigsten erschien:
„Bist du positiv?“
„Nein. Ich hatte Glück. Als ich das gescheckt habe, wieviel Glück eigentlich, bin ich ausgestiegen, eher gesagt, zum zweiten Mal davon gelaufen. Mit mehr Vorbereitung als beim ersten Mal.
Es ist nur…ich wollte dass du das weißt. Ich hab‘ ein Tatoo auf der Peniswurzel, fünf rote  Sterne in Reihe. Ich wollte vermeiden, dass du das wiedererkennst wenn wir im Bett landen.“
„Woher weißt du dass ich Pornos kucke?“
„Du lebst allein. Irgendein Typ hat dich abserviert…ist doch nur logisch, oder nicht?“
„Was ist dann passiert?“
„Mein Geld hat gereicht, um die Wohnung einzurichten und das Möbelhaus hat mir die Chance gegeben als Monteur anzufangen, obwohl meine Ausbildung abgebrochen war. Die scheiß Gesellenprüfung nachzuholen, war echt kompliziert.“
Kilian dachte kurz nach:
„Aber das ist doch alles schon ein paar Jahre her, oder. Wie kommst du darauf, dass ich dein Tatoo wiedererkennen könnte?“
„Hab gerade die Meisterschule fertig gemacht.“
„Ja, und?“
„Die hat 20 Tausend gekostet. Ich wollte nicht in der Bank nach einem Kredit fragen.“
Er holte tief Luft:
„Da hab ich nochmal paar Filme gemacht. Nicht, dass ich da stolz drauf wäre, aber es war ziemlich schnelles Geld.“
Viele Informationen. Kilian schluckte daran und wusste im ersten Moment nicht was das alles für ihn  bedeutete und wie er damit umgehen sollte.
Nach einigen Minuten Schweigen in der Dunkelheit fragte er vorsichtig:
„Was erwartest du jetzt von mir?“

 


Das war nicht das womit Georg gerechnet hatte.
Der Wald lichtete sich und das Mondlicht beleuchtete das letzte steile Stück des Weges bis zum Parkplatz.
„Du hattest übrigens Recht.“
„Womit?“
„Der Schweinebraten war erste Klasse.“
Kilian wollte das alles nicht einfach so stehen lassen.
Der Weg bis in die Stadt würde eine knappe halbe Stunde dauern. Georg starrte aus dem Fenster und schwieg. Fast bereute er so offen gewesen zu sein.
„Georg.“
„Mhm?“
„Das mir Mirko in Berlin war schon lange aus. Es hat mich nur getroffen, dass er mit einem anderen glücklicher ist als mit mir. Gekränkter Stolz, denke ich.“
Das Lächeln kam zu Georg zurück:
„Bist eben eine richtige Prinzessin!“
„Was bin ich?! Spinnst du!“
„Sag ich doch, Prinzessin!“
Kilian fuhr in einen dunklen Forstweg und hielt etwas abrupt an. Der Motor verstummte und nur die grünen Leuchten des Radios gaben noch ein wenig Licht.

 

Sie saßen in der Dunkelheit und beide wollten eigentlich nur das Eine: den anderen spüren, küssen, halten. Trotz aller Geständnisse, vager Ängste und Vorbehalte zogen sie sich magisch an:
„Du?“
Kilian hauchte es fast aber Georg nicht:
„Ja!“

 

Atemloses sich ineinander verbeißen, schmecken, saugen, lecken, gieren nach mehr, zerren an Kleidern, fordernde Händen suchend nach warmer Männerhaut!
„Ist schon lange her!“
„Du hast mich den ganzen Abend angemacht!“
„Kommt mir auch so vor….Bist du sicher…? Hier? Nicht zuhause im gemütlichen Bett?“
„Beides!“
Georg schob Kilian ein wenig von sich weg, um sich aus seinem Shirt zu schälen. Seine Brust war definiert und nur wenig behaart. Dann half er Kilian aus seinem Hemd und seine Hände stellten klar, wer bei diesem Spiel die Regie übernehmen würde. Das war Kilian nicht gewohnt und es erstaunte ihn selbst, wie sehr ihn die dominante fordernde Art die Georg hatte, erregte.
Er öffnete seinen Mund bereitwillig um Georgs Zunge einzulassen und genoss jede seiner Berührungen! Der Gürtel und die Knöpfe der Hose bildeten kein Hindernis. Georg nahm sich was er haben wollte. Kilian stöhnte in seinen Mund. Als er versuchte seinerseits Georgs Hose aufzumachen, wurde seine Hand weggeschoben und der Einsatz verdoppelt.
Das würde in ziemlich kurzer Zeit eine ziemliche Sauerei werden. Kilian war wehrlos gegen die kundigen, rauen Hände die so gut wussten, wie es richtig war. Sein Stöhnen heizte Georg unglaublich auf. Er mochte Kilian so sehr und seine Reaktionen auf ihn waren so ganz anders. Zwischen zwei Küssen presste Kilian heraus:
„Und du? Was ist mit dir? Lass mich dich anfassen!“
Georg öffnete seinen Gürtel ohne aufzuhören Kilians Männlichkeit zu massieren. Er schob seine Hose ein wenig weg und nahm Kilians Hand:
„Ohh, das ist…“
Kilian brauchte nicht genau zu sehen, was es zu sehen gab um zu wissen, dass dieser Mann nicht ohne Grund seine Meisterschule mit Porno-Filmen bezahlen konnte. Er hatte nicht wirklich die Maße eines Durchschnittsmannes!
„Wow, du bist groß! Und ganz schön geil bist du auch!“ Sein Daumen verrieb sachte die Feuchtigkeit die aus seiner Spitze quoll. Georg genoss die zärtliche Geste.
Kilian war ebenfalls nicht unerfahren und gab zurück was er bekam. Georg wollte sich nicht beherrschen. Und das brauchte er heute auch nicht. Er nahm von Kilian was er bekommen konnte, ohne über irgendetwas anderes nachzudenken, als die Lust die sich in seinem Bauch aufstaute!
„Ahh, das wird nicht lange dauern!“
Kilian stöhnte in seinen Mund:
„Ich auch!“

Georg öffnete die Autotür und ließ frische Nachtluft herein. Die Scheiben waren beschlagen und der Geruch von Schweiß und Sex mischte sich mit dem erdigen Aroma des feuchten Waldbodens. Kilian hatte sich zurückgelehnt und sog die kühle Luft und die Düfte der Nacht tief in seine Lungen. Keine Abgase, kein Lärm nur die Stille der Herbstnacht und die angenehme  Leere in seinem Kopf,  nach einem heftigen Höhenflug, der auf mehr hoffen ließ.

 

 

 


6. Nicht ohne dich!

 

 

 

Die Nacht war kühl und die Luft war feucht. Kilian zog sich auch wieder an und Georg beobachtete ihn dabei.
„Was?“
„Nichts. Du bist echt cool.“
„Wie meinst du das?“
„Ich hatte Angst vor einem hysterischen Ausbruch, nach meinem Geständnis.“
Kilian sah ihm direkt ins Gesicht:
„Ich bin ehrlich. Sowas hatte ich nicht erwartet, aber dass du kein unerfahrener Jüngling bist habe ich vorher schon gemerkt.“
Georg lehnte sich im Sitz zurück und spielte mit der Pralinenschachtel. Er öffnete vorsichtig das Siegel und augenblicklich breitete sich der aromatische Duft der kostbaren Schokolade aus. Georg nahm eines der Kunstwerke und biss sie halb durch. Die andere Hälfte schob er dem etwas verdutzten Kilian in den Mund:
„Ich möchte heute nicht allein schlafen. Kommst du mit zu mir?“
Kilian war erstaunt über Georgs weiche Seite. Die Frage offenbarte eine Sehnsucht die nicht nur Sex wollte und die Geste, die Praline mit ihm zu teilen, war geradezu liebevoll. Kilian wollte heute Nacht auch nicht alleine schlafen. Er zog Georg zu sich heran und sagte leise:
„Sag mir deine Adresse.“
Dann küsste er den Tischler zärtlich, mit dem süßen Geschmack der Verheißung auf der Zunge.

 

Georgs Wohnung war kleiner als seine eigene. Ein Wohnzimmer, das durch eine Theke von der Küche getrennt wurde. Ein Bad mit einer Dusche, die definitiv zu klein für zwei erwachsene Männer war und ein Schlafzimmer gerade richtig für zwei.
Keines der Möbelstücke, abgesehen von der Couch im Wohnzimmer, war fertig gekauft und alles war von erlesener Qualität und sehr geschmackvoll.
Edle Hölzer in verschiedenen Farben. Glatt und lackiert in der Küche, offenporig und lasiert im Wohnzimmer und roh aber glatt im Schlafzimmer. Kilian ließ seine Hand über den Rahmen des Bettes gleiten, als Georg ihm ein Handtuch aus dem Schrank holte. Das Holz fühlte sich warm und lebendig an.
„Hast du das alles selbst gebaut?“
„Ja, klar. Ursprünglich wollte ich das Bett und den Schrank auch noch lasieren, aber ich finde die Rotbuche  so schön, dass ich es mir anders überlegt habe. Möchtest du zuerst duschen? Für zwei ist es echt zu eng da drin. Kilian schüttelte den Kopf:
„Dusch du ruhig zuerst. Ich hab noch Durst. Hast du Cola oder O-saft?“
„Cola ja, oder Bier. Saft leider nicht.“
Georg ging in die Küche und Kilian lehnte sich an die Theke. Er nahm die Flasche und das Glas und Georg schaltete den Fernseher ein. Es war vertraut. Er ließ sich in das Sofa fallen und Georg verschwand im Badezimmer.
Kilian sah sich um. Im Bücherregal standen eine Menge Fachbücher über Architektur und Holzbau, Möbeldesign und Fertigungstechniken. Sein eigenes Regal sah ganz ähnlich aus. Wenn auch die Themen seiner Bücher medizinisch waren. Im ganzen Raum gab es keinen Hinweis auf etwas anderes als auf den hart arbeitenden Tischler.
Keine Pornofilme in der Filme Sammlung, schon gar keine mit Georg selbst.
Kilian wurde zusehends nervöser. Vorhin im Auto war er einfach nur heiß gewesen, aber jetzt hier. Er befürchtete dem Vergleich mit Georg‘s Modell Körper nicht standhalten zu können. Er hatte Angst mit irgendwelchen Freiern verglichen zu werden. Er schämte sich für seinen Körper, der längst nicht so trainiert und getrimmt war wie Georgs. Kilian hatte in den letzten Wochen nicht über Sex nachgedacht, nur gearbeitet. Das heißt, nachgedacht hatte er viel über Sex, aber nicht die Energie aufgebracht sich nach den anstrengenden Arbeitstagen auf die Suche zu machen. Auf die Jagd nach schneller Ablenkung vom Alltag wollte er schon lange nicht mehr gehen und um jemanden für eine ernsthafte Beziehung zu finden, musste man schon erheblich mehr Aufwand betreiben.

 

„Worüber denkst du so angestrengt nach?“
Er hatte Georg nicht kommen hören. Seine langen Haare waren noch feucht und die Haut dampfte warm. Er hatte ein Handtuch um die Hüften geschlungen und setzte sich auf die Sofalehne. Kilian versuchte gar nicht erst zu schauspielern:
„Ich hab gerade gedacht, dass ich längst nicht so gut aussehe wie du.“
Georg konnte sich vorstellen, dass dieser Satz nur die Essenz dessen war, was wirklich in Kilians Kopf vorging. Er legte seinen Arm um Kilians Schultern und sagte leise:
„Alles kann, nichts muss, ok?!“
Kilian lehnte sich in seinen Arm und murmelte:
„Ok. Ich werd mich dann mal duschen.“
Er machte aber keine Anstalten aufzustehen sondern genoss einfach die Wärme der Umarmung. In Georgs Gegenwart waren alle trüben Gedanken und Ängste wie weggeblasen.

 

Im Fernseher lief ein langweiliger Krimi, den Kilian schon dreimal gesehen hatte. Er driftete wieder in seine Gedanken ab und versuchte in Worte zu fassen, was er Georg sagen wollte. Seine Schultern waren angespannt und plötzlich spürte er Georgs Lippen an seinem Ohr:
„Nun sag schon, was dich bedrückt. Ich spür doch wie angespannt du bist. Willst doch lieber gehen?“
„Nein! Nein. Ich weiß nur nicht wie ich es sagen soll. Ist neu für mich.“
„Was?“
„Du, du bist ziemlich selbstsicher und hast keine Angst die Führung zu übernehmen. Das ist nicht wie es gewöhnlich läuft.“ Er machte eine Pause aber Georg fragte nicht nach, sondern wartete geduldig auf die Erklärung.
„Ich musste in den Jahren nach meinem Outing immer alleine klar kommen, auf mich selbst aufpassen und die Kontrolle behalten. Hätte meine Mutter mich nicht finanziell unterstützt, meinem Alten wäre es egal gewesen ob ich verrecke. Allerdings, besucht hat mich meine Ma in Berlin auch nicht.“
Georg zog Kilian noch näher in seine Arme und fragte leise:
„Wie hast du das geschafft, mit dem Studium und allem?“
„Nachtschichten auf dem Krankenwagen. Zuerst als Sanitäter, später als Assistenzarzt, an meinen freien Wochenenden und an Feiertagen. Familie brauchte ich ja nicht zu besuchen. Meine Kumpel aus der WG waren meine Familie.“
„Und Liebe?“
„Keine wirkliche Liebe. Mirko, das hab ich mir lange gewünscht aber sonst. Freunde ja. Und Sex, aber die schnelle und eher anonyme Sorte. In der großen Stadt findet sich das immer. Ich habe immer richtig viel gearbeitet neben dem Studium und lange Zeit auch nichts vermisst. Im Gegenteil. Die Szene und das Alles. Das habe ich echt geil gefunden.“
Georgs massierte ihm zärtlich den Nacken:
„Was hat sich geändert?“
„Weiß nicht genau. Beruflich läuft alles rund. Der größte Stress ist erst einmal vorbei. Und plötzlich sind die Abende leer. Aber richtig bewusst ist mir das erst geworden, als du mit dem Chili bei mir aufgetaucht bist.“
Kilian sah Georg in die Augen. Die Einladung wurde verstanden.
Ihr Kuss war zunächst sanft und vorsichtig. Georg wollte so viel mehr aber auch er hatte Angst und flüsterte:
„Und jetzt fragst du dich, ob du so einen wie mich in deinem perfekten Leben haben willst, oder ob es dir doch zu peinlich ist?“
Kilian vertiefte den Kuss wieder und antwortete erst nach einer ganzen Weile:
„Ich dachte, DU wolltest mit solchen wie mir nichts mehr zu tun haben?“
Er schob das Handtuch zur Seite und entblößte die schönste Erektion die er je gesehen hatte. Seine Stimme war rau vor Erregung:
„Du bist so verdammt schön!“
Georg gierte danach ihn in Kilians Mund zu schieben und musste nur ein klein wenig nachhelfen um Kilian dazu zu bringen  ihn zärtlich und vorsichtig zu lecken. Kilian rutschte vom  Sofa runter auf seine Knie, zwischen Georg Beine und tat was er sonst nie machte. Er saugte und leckte, schluckte und biss zärtlich in die zarte Vorhaut, massierte mit einer Hand die großen Bälle die weich und rasiert zwischen den starken Schenkeln hingen.
Georg machte ihm Platz. Seine Hand lag auf Kilians Kopf aber er drängte ihn  nicht. Einzig sein Stöhnen verriet was schön für ihn war. Dieser Schwanz war bei weitem der perfekteste den Kilian je gesehen hatte. Lang und dick, gerade und gleichmäßig, mit einer glatten, weichen Haut über dem stahlharten Kern der in ihm zu glühen schien. Die glatte Eichel schmeckte nach den Lusttropfen die aus seiner Spitze flossen und Kilian spürte unter seinen Lippen die immer noch zunehmende Härte. Er konnte nicht genug davon bekommen und ließ dieses Prachtstück immer wieder tief in seine Kehle gleiten. Seine eigene Erregung wuchs mit der seines Freundes und fast war er enttäuscht als Georg seinen Kopf unsanft wegschob als er kam:
„Ahhrrr! Jetzt!!!“
In mehreren Schüben schoss sein Samen aus ihm heraus und landete auch auf Kilians Kinn.
Georg atmete heftig und seine Knie zitterten. Sein Schwanz blieb noch eine ganze Weile  groß. Kilian schaut Georg fasziniert an.
Georg hatte die Augen geschlossen und atmete tief. Ein glückliches Lächeln umspielte seinen Mund und sein ganzer Körper war entspannt.
Kilian hatte sich nur selten die Mühe gemacht einen seiner Sexpartner ‘danach‘ so genau zu betrachten. Dieses Fünf-Sterne-Tatoo passte aber auch sowas von gut zu dem prächtigen Organ! Irgendwann fing Georg seinen Blick auf:
„Das war himmlisch! Du kannst das echt gut!“
„Du bist ja auch superlecker!“
Beide lachten und Kilian stand auf um endlich zu duschen.

 

Das heiße Wasser entspannte seine Schultern und der Ausblick auf Georgs breites Kreuz und runden Hintern, wie er sich im Waschbecken die klebrigen Reste von vorher abwusch, heizte Kilians Phantasie an.
Georg machte sich nicht die Mühe etwas anzuziehen. Er ging durch die Wohnung und schaltete Licht und Fernseher aus und ruhige Musik und dezente Beleuchtung im Schlafzimmer ein. Kilian trocknete sich gerade ab als Georg vorsichtig durch die Tür schaute:
„Möchtest Du eine Massage?“
Kilian wurde magisch von ihm angezogen. Georg zog ihn in seine Arme, an seinen warmen, nackten Körper. Kilian ließ seine Hände über die breiten Schultern, den starken Rücken und den runden Hintern gleiten und antwortete:
„Das wäre geil.“
Wie er es sagte, ließ keinen Zweifel daran welche Art Massage er im Sinn hatte.
Georg steckte voller Überraschungen:
„Ich dachte eigentlich mehr an Sportmassage, aber ich kann auch Tantra…wenn dir das lieber ist…“
Seine Lippen fanden Kilians und seine Arme hielten ihn in einer Weise die jeden fragenden Gedanken daran, woher Georg diese Kenntnisse wohl haben mochte, verdrängten.
Ein Badetuch wanderte mit ins Schlafzimmer und eine Flasche Massageöl. Es roch dezent nach Orangen und fühlte sich auf Kilians Haut warm und schmeichelnd an:
„Mhm, das riecht gut…“
„Gefällt es dir?“ In kräftigen Strichen fuhren Georgs Hände über Kilians Rücken, Schultern, Arme und Beine bis er das Gefühl hatte mit der Matratze zu verschmelzen.
„Mhm, das gefällt mir, aber es macht mich auch schläfrig.“
„Und du willst nicht schlafen?!“
„Noch nicht.“
„Ok, aber nachher nicht über fehlenden Schönheitsschlaf  jammern, Prinzessin!“
Georg legte beide Hände auf Kilians Hinterbacken. Ohne Druck auszuüben, ohne zu reiben, zu streicheln oder zu fummeln. Zwei Männerhände auf zwei Pobacken von denen so viel erotische Energie ausging, das Kilian sie förmlich in seinen Körper strömen spürte.
Zehn Sekunden, zwanzig dann hatte Kilian eine Erektion auf der er kaum noch liegen konnte. Von den Händen auf seinem Hintern und den Gedanken und Fantasien die durch seinen eigenen Kopf rasten. Er ruckelte ein bisschen hin und her um Platz für seine drängende Erregung zu machen und Georg fragte leise:
„Las mich auf deinen Schoß, ja?“
„Was soll ich?“
Kilian drehte sich um und war verwirrt. Er hatte Georgs Finger in ihm erwartet oder seinen Mund auf ihm, oder, oder, oder aber das nicht:
„Was willst du von mir?“
„Du willst mich doch toppen, oder? Du bist kein Bottom, zumindest nicht ausschließlich und du hattest länger keinen Sex, wenn ich dich richtig verstanden habe. Ich will aber nicht unten liegen. Ich möchte dich ansehen und ich mag es langsam. Komm, setz dich einfach mit dem Rücken ans Kopfende.“
Seine Hände hörten nicht auf, mit ihrem erregenden Spiel und Kilians Lingam bekam die erregenden Tantra Berührungen die ihn noch härter machten, als er ohnehin schon war.
Georg hatte geschickte Hände und das Gummi war schnell da wo es hingehörte. Kilian lehnte mit dem Rücken am warmen Holz des Bettes und Georg drückte eine großzügige Menge Astroglide in Kilians Hand. Ihre Augen trafen sich und Kilian zitterte vor Erregung als er das Gel auf und in Georg verteilte. Der Mann war ganz sicher keine Jungfrau aber er war eng genug, dass es einen Moment dauerte, bis er Kilian  ganz aufnehmen konnte. Seine Augen waren geschlossen und er sah so erregt und so erregend aus:
„Du bist so schön! Und du machst mich so geil!“
Er bewegte sich sachte und Kilian sah plötzlich den großen Vorteil dieser Stellung: Er hatte seine beiden Hände frei für alles andere! Für Georgs schönen Schwanz! Für die kleinen, harten Brustwarzen die ihm fast entgegensprangen und dafür Georgs Kopf  festzuhalten um ihn gierig, feucht und ausgiebig zu küssen. Es war ein zärtliches Spiel, keine schnelle Nummer und kein Sex ohne den anderen überhaupt richtig anzusehen. Georg liebte Kilian in einer Weise die sie beide innerlich zum Beben brachte. Als Kilian fast nicht mehr gegen das drängende Gefühl in seinen Hoden ankam und stöhnte:
„Bitteee, mach langsam! Sonst komme ich!!“
bekam er zur Antwort:
„Jaa, komm! Gib es mir! Aber schau mich an, ja!!“
Er bewegte sich immer  weiter! Kilian japste und stöhnte:
„Nicht ohne dich!!!“
Georg nahm seine Hand und Kilian rieb seinen Schwanz aber Georg war noch nicht so weit. Er spürte dass Kilian längst schon an der Klippe stand und legte seine eigene Hand über Kilians. Sein Rhythmus, sein Druck, seine Geschwindigkeit, jetzt im gleichen harten Tack wie die Stöße für Kilian! Georg zwang sich die Augen offen zu lassen, Kilian anzusehen, seine Lust gespiegelt im Gesicht seines Liebhabers zu sehen, brachte ihn ebenfalls an den Rand!
Seine Stimme war leise und fremd:
„Kilian ich bin so geil auf dich….ja, ja, ja, ja…!!!
Sein heißes Sperma rann über ihre Hände und Georgs rhythmisch zuckender Anus brachte Kilian endgültig zum Schreien!

 

 

 

Georg hielt ihn. Genoss jede kleine Welle die noch zwischen ihnen abebbte und sorgte dann mit wenigen Handgriffen dafür, dass das Kondom in dem kleinen eingebauten Mülleimer im Nachttisch landete, das Badetuch aus dem Bett flog, die Musik und das Licht aus gingen, die Kissen unter sie und Decke über sie befördert wurde. Kilian rollte sich träge in Georgs Arm und murmelte kurz bevor er in den Schlaf abdriftete:
„Deine Liebeshöhle ist äußerst praktisch konzipiert. Selbst entworfen, oder?“
„Ja, mein Liebling. Träum schön.“


 

 

 

 

7.    Sechs Wochen später.

 

 

 

Es war so wie es war und es war großartig!

Wunderbare Nächte, mal in dem einen, mal in dem anderen Bett. Gemütliche Abende auf der Couch, ein wenig Sport und  gutes Essen, zusammen gekocht und zusammen verputzt.

 

An den Abenden, die Kilian im Dienst im Krankenhaus verbringen musste, flogen kurze Texte von Handy zu Handy und beide sehnten den anderen herbei.

 

Georg verbrachte einen großen Teil seiner Freizeit in der alten Werkstatt die er von einem pensionierten Tischler übernommen hatte. Die Maschinen waren zum Teil schon sehr alt aber alles funktionierte noch. Die Miete war gering und der alte Mann freute sich darüber, dass neues Leben und neue Ideen in seine Werkstatt einzogen. Georg wollte etwas Eigenes daraus machen, eine Existenz daraus bauen, aber noch konnte er auf das Einkommen von Möbel Seko nicht verzichten. Es folgte ein Schritt auf den Nächsten. Er hatte den Meisterbrief und er hatte diese Werkstatt die bald soweit renoviert sein würde, dass an  effektives Arbeiten und erste Aufträge zu denken war.

 

Kilian saß auf der Hobelbank und wartete auf Georg, der eines der Fenster ersetzt hatte und mit den letzten Handgriffen beschäftigt war:
„Und, Meister Georg, wann kannst du die ersten Aufträge annehmen?“
„Weiß noch nicht ganz genau. Ich muss noch die rechtlichen Sachen klären. Gewerbe anmelden und sowas. Hier würde jetzt schon langsam was gehen. Also Möbel und Innenausbau. Ich kann auch Balkone und solche Sachen aber dafür reicht dieses Equipment nicht aus.“
Es klopfte kurz an der Tür und Ludwig Sagmüller, der alte Tischler schaute  herein:
„Griaßt eich!“
„Servus! Geht’s gut Wiggerl?“
„Geht scho. Ah, schau an, s’Fenster is scho drin. Guat sog i! Megst an Schnaps mit mir trinken? Auf’n Feierabend.“
„Gern.“

 

Georg machte das Licht aus und schloss die Tür gut ab. Ludwig ging voran in sein Haus, das auf der anderen Seite des Hofes lag. Kilian sagte leise zu Georg:
„Ich war zu lange in Berlin. Ich hab den kaum verstanden!“
Georg lachte leise:
„Das liegt nicht an dir. Der redet schon extrem!“
„Aber du kannst das auch.“
„Ich bin ja auch kein Stadtkind.“
Er grinste frech, als er das sagte.

 

Sie setzten sich an den Küchentisch und Ludwig schenkte ein. Kilian mochte nicht so gern Obstler aber er wollte nicht unhöflich sein.
„Du bist aber koa Tischler, ha? Ned mal a Handwerker möchte ich meinen?“
Kilian lächelte höflich:
„An sich schon. Aber für Leute.“
„Ah, was tuast na du?“
Georg antwortete:
„A Doktor is er, aber an de große Glocken mag ers nicht hängen.“
Ludwig leerte sein Stamperl und grinste:
„A Studierter! Naja, solche muaß a gebn. Wia heißt na du?“
„Kilian Ritter.“
Der alte Mann dachte kurz nach:
„Der Justiz-Ritter, der hatte einen Buam der Kilian hieß. Aber der ist fort. Der Vater soll ihn weggejagt haben, weil er nix mit de Weiba am Huat ghabt hat.“
„Ich war lange in Berlin, ja.“
Ludwig schaute von Georg zu Kilian und wieder zurück. Er schenkte ihnen noch einen Schnaps ein und verschloss dann umständlich die Flasche:
„Meistens, taugens eh nix, de Weiba! Prost!“
Kilians Tritt unter dem Tisch brachte Georg zum Lachen:
„Recht hast, Wiggerl! Danke fürn Schnaps! Mir san dann dahi.“

 

Kilian suchte im Auto nach Kaugummi um die Schnapsfahne wenigstens bis zuhause zu überdecken:
„Was war das jetzt eigentlich?“
Georg grinste ihn an:
„Outing auf bayrisch, scheint mir. Hast es ja gehört. Meistens taugen sie sowieso nichts, die Weiber! Was er nicht gesagt hat, aber was ich jetzt mal so verstehen will, war: Bleibt ruhig unter euch, gibt weniger Ärger. Die Alten sind auch nicht blöd. Meinst du denn, früher hat es das nicht gegeben, dass einer auf Männer abgefahrn ist? Das waren dann die alten Junggesellen, zu denen die ganze Nachbarschaft ‘Onkel‘ gesagt hat. Oder die zwei Tanten die immer schon  zusammen gelebt haben. Über Sex wurde halt nicht offen geredet, aber der Wiggerl, der hat uns gerade so angesehen, als ob der ganz genau weiß was los ist.
Und mach dir bloß keine Gedanken Schatz, auch wenn du kein Tischler bist, ja nicht einmal ein Handwerker! Nur ein Doktor! Solche muss es ja schließlich auch geben!“
Georg amüsierte sich auf seine Kosten, aber Kilian konnte darüber lachen:
„Boah, da bin ich jetzt aber echt froh!“

 

Später beim Abendessen war Kilian schweigsamer als sonst:
„Alles gut? Schmeckt es dir nicht?“
„Doch! Schmeckt gut! Ich muss nur über was nachdenken.“
„Über was?“
„Nee, du lachst mich aus!“
Georg bekam keine Antwort.
Kilian versuchte sich klar darüber zu werden, was sie beide füreinander waren. Freunde, ja schon. Liebhaber? Fuckbuddies? Partner? Was wollte Georg? Und was wollte er selbst? Einen Partner ? Es passte so gut, wie es jetzt war. Jeder hatte sein Leben und seine Arbeit und die Abende und die Wochenenden verbrachten sie zusammen. Was konnte daraus werden. Was sollte daraus werden. Wie sollte er sich verhalten, wenn ihnen einer seiner Kollegen begegnete. Die Stadt war nicht so groß. Es war nur eine Frage der Zeit.
Kilian hatte ein komisches Gefühl im Bauch. Er fühlte etwas, was ihm völlig neu war. Er hatte sich noch nie FÜR einen Menschen entschieden. Immer nur dagegen. Aus welchen Gründen auch immer. Nie hatte es gepasst. Irgendetwas hatte immer dagegen gesprochen, hatte nicht funktioniert, war nicht optimal. Diesmal gab es nichts was dagegen sprach. Georg war perfekt. Der Freund den er noch nie hatte, der Liebhaber, der ihn glücklich machte, der Partner auf den er sich immer verlassen konnte und der Mann, der Verständnis für ihn hatte, wenn irgendetwas nicht so klappte wie es sollte.

 

Viel später im Bett fragte Georg nochmal:
„Bist du zu einem Ergebnis gekommen?“
Kilian wusste genau auf was er anspielte:
„Noch nicht so richtig. Ich sag es dir dann. Ist alles gut. Komm her! Ich will dich…“
„Ohh, ja!“

 

 

 

 

 

 

Keiner der Beiden stellte die Frage nach der Natur ihrer Beziehung laut. Beide waren achtsam und vorsichtig mit dieser neuen Situation, die aufregend und spannend, aber auch fragil und irgendwie ungeklärt war. Zumindest schien es Kilian so zu sein. Er selbst war sich seiner Gefühle für Georg sicher, aber er hatte Angst zu verlieren was sie hatten, wenn er es offen aussprechen würde.
Keiner von Beiden sagte: „Ich liebe dich.“ Nie. Obwohl Kilian genau das fühlte. Sie sagten alles Mögliche zueinander: „Denk an dich.“ „Pass auf dich auf.“ „Drück dich.“ „Freu mich schon….“  Aber niemals „Ich liebe dich.“ Selbst im Bett blieb es bei dirty talk oder bei der groben Sexsprache die so austauschbar ist wie die Floskeln in irgendwelchen Filmen oder Chats in Online-Portalen: „Du bist so geil!“ „Du machst mich scharf!“ „Gibs mir du Hengst!“

 

Kilian wusste, dass der Tag an dem er Farbe bekennen musste, irgendwann kommen würde und er hatte Angst davor.  

 


An einem Freitag kam die berufliche Bewährungsprobe für Dr. Kilian Ritter in Gestalt von zwei Schwerverletzten, nach einem Verkehrsunfall auf der Bundesstraße! Eigentlich hatte er an dem Abend frei, aber daran war nicht zu denken. Sein Chef übernahm den jungen Mann der den Unfall mit einer Kopfverletzung, einer Thorax Kontusion und zwei Frakturen am linken Bein überlebt hatte.
Kilian versorgte den Unfallgegner, einen älteren Herrn mit einer komplizierten Beckenfraktur und einigen offenen Wunden.

 

Es war schon ziemlich spät als ihm einfiel, dass er mit Georg zum Essen verabredet war und dass sein Freund sicher auf ihn wartete. Er konnte aber jetzt nicht telefonieren! Als die schwierige Phase der OP beendet war und es inzwischen zu allem Übel so spät war, dass Georg zu Recht sauer auf ihn sein würde, bat er schlussendlich doch Schwester Hannelore sein Handy zu nehmen und für ihn zu telefonieren:
„Hannelore, bitte tun sie mir einen Gefallen. Ich war eigentlich heute Abend verabredet. Können sie bitte für mich anrufen und Bescheid geben, dass wir noch operieren?“
„Ja sicher!“
Sie nahm sein Handy von der Fensterbank und schaute ihn erwartungsvoll an. Kilian kannte Georg‘s Nummer auswendig. Er wollte nicht, dass die Schwester in seinem Adressbuch suchen musste. Privat sollte auch privat bleiben. Hannelore kannte dieses Telefonmodell nicht und kam beim Wählen der Nummer auch auf die Lautsprechertaste. Es klingelte laut und vernehmbar. Alle an der Operation  Beteiligten hörten natürlich interessiert zu. Der Anästhesist und sein Pfleger, die OP-Schwester und der Assistenzarzt.  Kilian warf  Schwester Hannelore einen wütenden Blick zu, aber es war ihr egal.
Georg hob sehr schnell ab und weil er Kilians Nummer erkannte hielt er sich nicht mit einer formellen Begrüßung auf:
„Hallo mein armer Liebling! Ich hab den Krankenwagen und die Polizei fahren sehen! Lassen sie dich noch was zusammenschrauben?“
Kilian errötete unter dem Mundschutz. Hannelore meldete sich:
„Guten Abend! Ich bin Schwester Hannelore, Unfallklinik. Dr. Ritter lässt ihnen ausrichten, dass er noch länger im OP beschäftigt sein wird.“
Georg schluckte ein tiefempfundenes f**k  runter und antwortete sachlich:
„Äh, ja. Vielen Dank Schwester. Richten sie ihm bitte aus, dass ich bei ihm zuhause auf ihn warte.“
„Er hört mit. Auf Wiederhören.“
„Wiederhören.“

 

Es war totenstill in dem OP-Saal. Nur das gleichmäßige Piepen des Herzschlages des Patienten und das Pumpen der Narkosemaschine  waren zu hören. Kilian nähte  weiter, aber seine Hände zitterten sichtbar. Nach einigen Minuten hatte er sich wieder so weit im Griff, dass er sagen konnte:
„Wollt ihr sonst noch was aus meinem Privatleben wissen? Oder reicht es fürs Erste?“
Hannelore fühlte sich schuldig und wusste nicht genau warum eigentlich. Ihre Kollegin verdrehte stumm die Augen. Der Anästhesist schickte seinen Pfleger eine neue Infusion holen und niemand verlor ein Wort über das soeben gehörte.
Zumindest nicht in diesem Moment.

 

 


Stunden später, als beide Verletzten versorgt auf der Intensivstation lagen und Kilian zusammen mit seinem Chef die weiteren Vorgehensweisen für beide Patienten besprochen hatte, kam das Telefonat noch einmal zur Sprache.
„Ritter, was höre ich da? Sie leben mit einem Mann zusammen?“
„Wir leben nicht zusammen, aber ansonsten, ja.“
„Es geht ja niemanden etwas an, aber sie wissen, dass sowas immer Gerede gibt?“
„Das ist mir klar. Ich hätte das auch gern im Privaten gelassen, aber die Stadt ist so klein, dass das sowieso nicht funktioniert. Das hat aber nichts mit meiner Arbeit zu tun!“
Die Stimme seines Chefs war tief und tragend, als er Kilian antwortete:
„Davon gehe ich aus! Heute Abend ist es sehr gut gelaufen. Sagen sie ihrem Partner, dass er sich an sowas gewöhnen muss, wenn er mit ihnen zusammen bleiben will.“

 

 


Georg schüttelte sich vor Lachen, als Kilian ihm beim Frühstück sie ganze Sache erzählte:
„Das hat dein Chef gesagt?! Dass ich mich daran gewöhnen soll?! An was? Nächtliche Telefonate mit Schwester Hannelore!? Ach du Scheiße!“
Kilian wartete bis er sich beruhigt hatte, aber dann sagte er:
„Du, eigentlich hat er schon Recht, der Chef. Du wirst dich an sowas gewöhnen müssen, wenn wir zusammen sein wollen.“
„Hey du Spinner! Wir sind schon längst zusammen! Oder wie würdest du unsere Beziehung benennen?“
„Siehst du das so?“
Kilian sah ihm tief in die Augen und Georg antwortete ernst und mit einem Blick, der keine Zweifel daran ließ, dass er meinte was er sagte:
„Ich weiß, dass ich dich liebe. Alles andere findet sich, oder?!“
Kilian schluckte und seine Stimme klang fremd als er leise antwortete:
„Ich liebe dich auch, Georg.“

 

 

 

 

 

 

 

***Ende***

 

Diese Geschicht ist ein Teil der Sammlung 'Made in Bavaria' ! Vier Stories, acht starke Typen!

 

 

 

 

 



 

 

 

 

 

 

 



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



 

 

 

 

 


Leseprobe aus 'Stille Nacht einsame Nacht'

Stille Nacht einsame Nacht

 

Lukas erlebt einen bösen Absturz und findet sich verlassen, ohne Arbeit und fast auch ohne Wohnung wieder. Ein Freund hilft ihm aus der größten Not, aber das allein wird nicht reichen, sein Leben zurückzubekommen. Lukas muss mutig sein, seine Heimatstadt verlassen und einen ganz anderen Weg einschlagen.

Ein Mann mit einer besonderen Stimme, wird nicht nur sein Arbeitskollege, sondern beschert ihm auch einen unvergesslichen Weihnachtsabend!

 

 

 

E-Book only! Dem Klima zuliebe! Für dieses Buch muss kein Baum fallen!

 

„Ein tiefer Fall. Ein harter Aufschlag. Ein Neustart, der zum Kaltstart wird. Lukas gehört plötzlich nicht mehr dazu. Sein Leben in einer Welt voller Glamour, Shows und Events ist abrupt beendet. Ganz unten bist du allein. Und die Nächte sind besonders dunkel.“

 

 

 

Diese Weihnachtsgeschichte startet wenig weihnachtlich, aber wie das so ist: Wunder geschehen, gerade und besonders zur Weihnachtszeit. Da trifft man unverhofft einen ‚Engel‘, fremde Menschen öffnen großzügig ihre Herzen und selbst kann man zum ‚Helden’ für einen ganz besonderen Menschen werden, der viel mehr ist, als nur ein Kollege…

 

Wer die ‚Weihnachtstrucker‘ kennt, wird ein paar alte Bekannte treffen, jedoch ist diese Geschichte in sich selbst abgeschlossen.  


 

 

 

 

1.

 

 

Lukas hatte nur noch einen Namen in seinem Adressbuch. Eine Person, die er noch nicht angerufen und um Hilfe gebeten hatte. Ein einziger war übrig, von fünfundzwanzig oder dreißig Menschen, die er vor ein paar Wochen noch zu seinen Freunden gezählt hatte! 
Florian war nicht einmal sein Freund, nur ein Bekannter. Sie hatten ein paar Monate lang zusammengearbeitet und auch das war schon mindestens ein Jahr her. Eher noch länger. Aber Lukas erinnerte sich an den lockeren und offenen Florian als eine hilfsbereite Person. Es war aber auch möglich, dass seine verzweifelte Lage seine Erinnerungen beeinflusste. Jedenfalls hatten sie damals ihre Daten ausgetauscht und Lukas würde ihn anrufen und um Hilfe bitten, wie schon alle anderen davor. Es wurde von Telefonat zu Telefonat immer schwerer für Lukas. Es waren verzweifelte Versuche, wieder festen Boden unter die Füsse zu bekommen, oder besser gesagt, ein Dach über den Kopf. Auch wenn manche seiner Bekannten durchaus gute Gründe anführen konnten, warum sie Lukas gerade jetzt, sonst ja immer gern, aber gerade jetzt leider nicht, helfen wollten oder konnten, wusste er sich bald keinen Rat mehr. Eine Woche, eine lausige Woche war übrig, dann würde er unter einer Brücke schlafen müssen, oder im Obdachlosenasyl. Nichts war ihm geblieben, nichts außer einem einzigen Koffer mit Kleidung, seinem Mobiltelefon und seinem Laptop. Und das auch nur deshalb, weil er die Sachen im Krankenhaus bei sich hatte. Alles andere, was sich in der Wohnung befunden hatte, hatte Richard mitgenommen. Alles! Lukas zitterte immer noch, wenn er an den Moment dachte, als er zum ersten Mal nach vielen Wochen wieder nach Hause gekommen war und die Wohnung komplett leer vorgefunden hatte. Einzig der Briefkasten war übervoll gewesen. Voller Rechnungen und der Kündigung seines Arbeitgebers, wegen seiner langen Krankheit. Natürlich hatten sie etwas anderes geschrieben, aber Lukas wusste, dass sein endloser Krankenhausaufenthalt nach dem Unfall der Grund war. Er selbst nannte es Unfall, um irgendwie damit klarzukommen. Es war kein Unfall.

 

Lukas konnte immer noch nicht wirklich rekapitulieren, was genau geschehen war. Teilweise waren die Erinnerungen an die schreckliche Nacht nicht zurückgekommen und zum anderen versuchte Lukas alles zu vermeiden, was die restlichen Erinnerungen an das Grauen dieser Nacht wieder in sein Bewusstsein zurückholen könnte. Das gelang ihm an manchen Tagen besser als an anderen, aber in den Nächten gab es niemals ein Entkommen. Die Albträume veränderten sich mit der Zeit, aber sie hörten nicht auf. Die Ärzte nannten es ‚Posttraumatische Belastungsstörung‘. Lukas nannte es ‚Schwarzes Loch‘.

 

Die Sanitäter hatten seinen schwer verletzten, unterkühlten, nackten, bewusstlosen, besudelten Körper am unteren Ende einer Treppe gefunden, die zu einer öffentlichen Toilette führte. Es war am frühen Morgen eines kühlen Frühlingstages gewesen. Lukas hatte sein Leben einer albanischen Putzfrau zu verdanken. Sie wollte die Toiletten sauber machen, hatte ihn dort gefunden und sofort aufgeregt den Notarzt alarmiert. Es dauerte einige Tage, bis Lukas das Bewusstsein wiedererlangt hatte und noch einmal so lange, bis er wieder wusste, wer er war. Er musste wurde mehrmals und verbrachte viele schmerzvolle Wochen im Krankenhaus.

 

Am Tag konnte Lukas einigermaßen verdrängen was geschehen war. Das Leben musste irgendwie weitergehen.
Jetzt im November wurde es von Stunde zu Stunde dringender, irgendwie eine neue Bleibe zu finden. Ein Zimmer zur Untermiete, eine über den Winter leere Ferienwohnung, ein verlassenes Kinderzimmer, ganz egal was, Hauptsache er musste nicht auf die Straße wie immer mehr Münchener, seit die Mietpreise in astronomische Höhen kletterten. Die Behörden waren keine Hilfe. Das Arbeitsamt versuchte ihn zu vermitteln, bislang aber ohne Erfolg. Lukas wollte unbedingt so schnell wie möglich wieder arbeiten, aber er war immer noch nicht wieder ganz gesund und er hatte kein Auto mehr. Das begrenzte und erschwerte die Arbeitssuche erheblich.

Die Psychologin bei der er für ein paar Sitzungen war, um das Trauma aufzuarbeiten, hätte es gern gesehen, wenn er in eine längere stationäre Maßnahme zur Behandlung seiner psychischen Verletzungen eingewilligt hätte, aber Lukas konnte sich selbst nicht dazu bringen, die Ereignisse vor und nach dem Krankenhaus aufzuarbeiten. Er schob alles so weit weg wie möglich und versuchte einen Neustart. Was zugegebenermaßen viel schwerer war als erhofft. Es hatte Wochen gedauert, Richard wenigstens den Ordner mit seinen Dokumenten abzuringen. Immerhin hatte er sich nicht die Mühe gemacht, die Sachen wegzuwerfen. Richard, der schöne, erfolgreiche, kluge und charmante Mann, der Lukas lange glauben ließ, der Eine ganz besondere Mensch zu sein, war auch oberflächlich, feige und hinterhältig und hatte Lukas in den Wochen der allergrößten Not einfach fallengelassen. Ein paar Tage lang hatte er noch regelmäßig am Krankenbett gesessen, dann musste er plötzlich viel arbeiten und dann war er noch nicht einmal mehr telefonisch zu erreichen. Als Lukas irgendwann ein eindeutiges Foto im Internet sah, wusste er, dass es aus mit ihnen war. Das allein, zusätzlich zu den schweren Verletzungen, wäre schlimm genug gewesen, aber die gemeinsame Wohnung vollkommen leer vorzufinden, hatte Lukas für Tage den Boden unter den Füßen weggezogen.
Zu zweit konnten sie sich diese Wohnung leisten, aber allein war das in dieser feinen Gegend, in dieser Stadt unmöglich. Lukas konnte die Miete nicht bezahlen und hatte nach einer Mahnung sehr schnell ein Kündigungsschreiben bekommen. Angeblich wegen Eigenbedarfs. Er hatte auf allen bekannten Wegen versucht, eine neue Bleibe zu finden, war aber bisher auf ganzer Linie gescheitert. Nun telefonierte er seit Tagen mit allen Freunden und Bekannten, um übergangsweise irgendwo unterzuschlüpfen. Doch niemand konnte oder wollte ihm helfen. Verwandte, die sich möglicherweise moralisch verpflichtet fühlen würden, hatte er nicht. Es blieb nur das Adressbuch im Handy mit allen, die er irgendwann einmal ‚Freunde‘ genannt hatte. Florian Hochreiter war der allerletzte auf der Liste. Lukas fühlte sich schrecklich bei diesen ‚Bettelanrufen‘ aber er hatte keine Wahl. Also versuchte er Florian heute zum dritten Mal zu erreichen. Dieses Mal meldete er sich: „Hochreiter.“ „Hallo Flori, hier ist Lukas.“ Seine Stimme klang schrecklich verkrampft, obwohl er versuchte, so ruhig und locker wie möglich zu bleiben. „Lukas Hader. Wir waren bei Angermeier in einem Büro zusammen, erinnerst du dich?“ Florian schien sich zu freuen von Lukas zu hören. „Na klar, erinnere ich mich! Wie geht es dir, Lukas?“ Lukas atmete erleichtert aus. Er war froh, dass sich Florian an ihn erinnerte. „Hast du einen Moment Zeit? Ich hätte eine Frage an dich.“ Im Hintergrund kündigte die Ansage auf einem Bahnsteig die Einfahrt eines Zuges an. „Es wäre wirklich sehr wichtig für mich.“ Florian machte es kurz: „Du Lukas, ich freu mich echt von dir zu hören. Ich bin am Bahnhof, auf dem Weg nach München zu meinen Eltern. Können wir später nochmal telefonieren? Mein Zug fährt gerade ein.“ Verzweiflung machte sich in Lukas breit, aber selbstverständlich willigte er ein, obwohl er fast sicher war, dass auch sein letzter Versuch, Hilfe zu finden, scheitern würde. „Ist gut, dann melde ich mich später nochmal.“    

 

 

 

Lukas hatte nicht erwartet, dass Florian ihn zurückrufen würde. Er zuckte erschrocken zusammen, als zehn Minuten, nachdem er aufgelegt hatte, das Handy in seiner Hosentasche vibrierte. „Hallo?“ „Hey, ich bin es nochmal, Flori. Tut mir leid Lukas, dass ich dich gerade so kurz abgefertigt habe, aber ich musste meinen Koffer in den Zug wuchten. Ich bin auf dem Weg nach München. Meine Mutter hat Geburtstag. Ich bleibe für ein paar Tage. Wir können uns also gerne treffen.“ Lukas antwortete erleichtert: „Das wäre super! Lebst du denn gar nicht mehr in München?“ Florians Stimme klang bedauernd, als er antwortete: „Leider nein. Ich würde gern wieder umziehen, aber der Job in Dresden ist zu gut, um ihn einfach hinzuschmeißen. Wann wollen wir uns treffen? Morgen feiert meine Mama Geburtstag und ich bin den ganzen Tag verplant. Passt es dir übermorgen, am Nachmittag, vielleicht?“ Lukas freute sich sehr und sie verabredeten sich im Café Rosa an der Uni, fünfzehn Uhr. Lukas hatte vergessen wie positiv und wie geradeheraus Florian war. Obwohl sie nur zwei Sätze gewechselt hatten, fühlte er sich schon ein bisschen besser und er freute sich auf ihr Treffen. Natürlich gab es, objektiv betrachtet überhaupt keinen Grund für seine Vorfreude. Schließlich hatten sie sich lange nicht gesehen und es war sicherlich mehr als unwahrscheinlich, dass Florian ihm helfen konnte oder wollte, aber trotzdem. Lukas freute sich auf sein Treffen mit Florian.

Florian kam pünktlich zu ihrem Treffen und Lukas erkannte ihn sofort. Florian hatte sich kein bisschen verändert, seit sie damals zusammen im gleichen Büro gearbeitet hatten. Lukas selbst hatte sich seitdem allerdings sehr verändert und Florian hatte sichtlich Mühe, sein Entsetzen so gut es ging zu verbergen. „Lange nicht gesehen! Wie geht es dir, Lukas?“ Florian setzte sich und bemühte sich um Lockerheit. Es war offensichtlich, dass Lukas in echten Schwierigkeiten war. Der Lukas den er einmal gekannt hatte, war ein ausgesprochen hübscher, schlanker, junger Mann gewesen, modisch gekleidet und frisiert, mit einer charmanten, selbstbewussten Ausstrahlung. Der Lukas, der ihm hier im Café gegenübersaß und sich an seiner Teetasse festhielt, war hager und blass, mit strähnigen Haaren und schlechter Haltung. Zwischen den Augen zwei steile Falten und auf der Stirn eine hässliche, rote Narbe, die er nur schlecht verstecken konnte.
Lukas fühlte sich von Florians Blicken abgescannt. Er versuchte es erst gar nicht mit Smalltalk. Er sah ja, wie er auf andere Menschen wirkte, besonders auf Leute, die ihn auch vor all dem schon gekannt hatten. Die schwule Szene in München ist gnadenlos, wie überall. Bist du schwul, stecken sie dich in Schubladen, Twink, Otter, Bear, Fatty, Fem, Jock, wie auch immer. Lukas passte zurzeit in keine dieser Kategorien. Er war einfach nur ein Verlierer, ein Opfer. Ganz unten und total am Ende. Niemand wollte etwas mit ihm zu tun haben, geschweige denn ihm helfen. Bist du stark, schön, jung, hast du Freunde, bist du schwach, bist du allein. Diese Erfahrung zu machen, war unglaublich hart. Und die Hoffnung in andere Menschen nicht ganz zu verlieren, war sehr schwer für ihn. Er versuchte zu lächeln, aber es gelang ihm nicht ganz ...   (Ende der Leseprobe)

 

 

 

 

Leseprobe aus 'Alaska'

Ein Traum ist wahr geworden. Alexej ist in Alaska angekommen. Er ist überglücklich der Unterdrückung in Rußland entkommen zu sein und stürzt sich voller Abenteuerlust in sein neues Leben. Nur leider gibt es ein ganz entscheidendes Hinderniss, dass Alexej und Greg daran hindert wirklich glücklich zu sein. Immer wieder trennt sie, Greg Arbeit an der Alaska Pipeline. Alexej ist einsam und gezwungen, seinen eigenen Weg zu finden...

 

"Eine schöne lange Leseprobe fürs Wochenende!" 

  September

 

 

 

Greg war nun schon den zweiten Monat am Stück an der Alaska-Pipeline unterwegs. Zwischendurch war er ein einziges Mal für drei Tage in Valdez gewesen. Das war alles. Er fehlte Alex. Beide hassten es, ohne den Anderen zu sein, aber Greg liebte auch seine Arbeit und Alex konnte ihn nicht begleiten. Sein Kollege Peter Price hatte sich bei einem Arbeitsunfall schwer verletzt und konnte für zwei Monate gar nicht und für weitere zwei nur im Büro arbeiten. Greg hatte es nie etwas ausgemacht, an der Pipeline für etliche Wochen, mit den Männern zusammen zu arbeiten und zu leben, aber jetzt wartete Alex zu Hause auf ihn und zum ersten Mal konnte er verstehen, wie sehr seine verheirateten Kollegen ihre Frauen und Familien vermissten.

 

Alex beklagte sich nie, aber Greg spürte, dass er unter der Situation litt. Alex sprach nicht darüber, dass er sich oft einsam fühlte und seine Freunde und Kollegen aus Irkutsk vermisste. Nicht alle natürlich, aber manche fehlten ihm sehr. Sein Jugendfreund Sascha und dessen Bruder Anatol. Das Fitnesstudio in dem er einen großen Teil seiner Freizeit verbracht hatte, und einige seiner Kollegen bei der Polizei. Er war nicht daran gewöhnt, ganz allein in einem Haus zu sein, und obwohl er ihr Zuhause sehr liebte und den Komfort und den Luxus genoss, fehlte ihm manchmal die Geborgenheit, die Zugehörigkeit, die es in der Kommunalka, der Gemeinschaftswohnanlage, gegeben hatte, in der er sein ganzes Leben lang gewohnt hatte. Nur während seiner Militärzeit lebte er in der Kaserne, aber auch da hatte er natürlich kein Zimmer für sich allein.
Nun war Alexej viel allein. Seine Arbeit auf der kleinen Werft in der Marina von Valdez hatte er auch der Tatsache zu verdanken, dass er sich ganz gut mit großen Dieselmotoren auskannte. Bei der Roten Armee hatte er gelernt, LKW und Panzer zu reparieren. So groß war der Unterschied zu Schiffsdieseln nicht. Alex lernte von Hank Springfield, wie man die Jachten und Boote der Freizeitkapitäne wartete, die hauptsächlich seine Kunden waren. Die Berufsfischer kauften sich höchstens einmal ein Ersatzteil in der Werft und reparierten ihre Schiffe meistens selbst.
Hank war im ersten Moment nicht begeistert davon gewesen, einen schwulen Russen als Mechaniker einzustellen, aber er schuldete Martin Brooks einen Gefallen und als er Alex kennenlernte und sah, dass kein fragiler Tänzer à la Rudolf Nurejew, sondern ein handfester, breitschultriger Athlet bei ihm arbeiten sollte, gab er Alex eine Chance. Obwohl Alex sich mit Hank ganz gut verstand, träumte er immer noch von einer Karriere als Pilot.
Hank bezahlte ihn gut. Für Alexejs Vorstellungen, die sich immer noch nach den Löhnen in Russland richteten, wurde er sogar sensationell gut bezahlt, aber die Flugstunden waren sehr teuer und die Gebühren und der theoretische Unterricht ebenfalls. Alex investierte in seine Zukunft. Es war nicht unmöglich, sich den Traum vom Fliegen zu erfüllen, aber um dann später einmal davon leben zu können, dazu gehörte viel Talent und das Glück, einen Arbeitgeber zu finden. Alex hatte sich in der Flugschule angemeldet und nahm am theoretischen Unterricht teil. Für die Flugstunden würde er noch länger hart arbeiten müssen oder doch über den Winter einen Truck auf den Eispisten fahren. Da war in einer Saison genug zu verdienen, um etliche Flugstunden bezahlen zu können. Allerdings war es auch eine sehr gefährliche Arbeit im Winter Schwerlasten nach Norden zu transportieren und Greg war nicht begeistert von dieser Idee.
„Ich komme aus Eis und Schnee! Genauso weiß und genauso kalt wie hier. Du brauchst keine Angst zu haben!“
Alex wollte nicht, dass Greg ihn finanziell unterstützte. Er war stolz und stur.
Sie hatten die Diskussion schon mehrmals geführt und waren zu keinem Ergebnis gekommen. Greg verstand seinen Geliebten. Im umgekehrten Fall würde er selbst auch nicht anders fühlen.
Noch war es nicht so weit, aber Hank Springfield hatte im Winter auf der kleinen Werft kaum genug für sich selbst zu tun.
Es war ein grauer und kalter Septembertag. Hank und Alex gingen ausnahmsweise im ‚Harbor Inn‘ zum Mittagessen. Die Saison neigte sich für dieses Jahr langsam dem Ende zu und Hank grübelte schon den ganzen Vormittag darüber, wie er Alex sagen sollte, dass er ihn ab Oktober nicht mehr brauchen würde. Sie aßen schweigend und beim Kaffee fragte Alex schließlich: „Welche Laus ist dir heute über die Leber gelaufen? Du bist so ruhig.“
Hank räusperte sich. Alex ahnte schon, was den älteren Mann beschäftigte und er machte es ihm leicht. „Ich kann es mir schon denken. Nun sprich schon.“
„Wird bald Winter und die Arbeit wird knapp. Bis zum nächsten Ersten kannst du noch bleiben. Nicht dass ich nicht zufrieden mit dir wäre! Hätte nie gedacht, dass wir uns so gut verstehen, aber über den Winter reicht es leider nicht für zwei.“
„Ist schon gut, Hank. Mechaniker ist auch nicht mein Traumjob, aber ich war ganz gern bei dir.“ „Falls es mit dem Fliegen doch nichts wird, kannst du ja im Frühling wiederkommen.“
„Wir werden sehen.“
Es war Freitag. Sie räumten die Werkstatt gründlich auf und machten früh Feierabend. Alex nahm seinen Rucksack und joggte nach Hause. Inzwischen wunderten sich die Nachbarn nicht mehr darüber, dass er nur selten den Landrover benutzte.
Alex wollte fit und in Form bleiben. Weil es aber in Valdez kein auch nur annähernd vergleichbares Studio wie das von Popov in Irkutsk gab, trainierte Alex für sich allein, zu Hause, im Garten oder eben beim Laufen oder Bergsteigen. Allerdings war in letzter Zeit das Wetter oft so schlecht, dass er sich immer öfter danach sehnte, in einer Halle Gewichte zu heben.
Das einzige gut ausgestattete Studio in der Stadt gehörte zum ‚Prince William Sound College‘. Es befand sich auf dem Campus und wurde hauptsächlich von Studenten besucht. Alex hatte nur ein einziges Mal einen Blick riskiert und war dann schnell wieder gegangen. Er fühlte sich zwischen all den jungen, schönen und intelligenten Studenten irgendwie deplatziert, obwohl niemand unfreundlich zu ihm war.

 

Heute klingelte die Nachbarin Anne Baker bei Alex, noch bevor er die Schuhe ausgezogen hatte. „Anne, hallo! Was kann ich für dich tun?“
„Hi, Alex! Ich wollte dich bitten, mir kurz einmal zu helfen. Bob kommt erst nächste Woche zurück und dann kann es für meine Blumen zu spät sein. Es ist jetzt nachts schon so kalt. Ich muss die Töpfe in den Wintergarten stellen. Zwei sind zu groß, die kann ich nicht alleine bewegen.“ „Das haben wir gleich.“
Anne war eine zierliche Frau mit einem starken Willen und viel Enthusiasmus, was ihren wunderschönen Garten betraf. Obwohl die Winter lang und die Sommer oft kühl und nass waren, hatte sie für sich und ihren Mann ein beeindruckend vielseitiges Gartenparadies geschaffen. Die offene Veranda des Hauses war schon vor Jahren verglast worden, um einen sicheren Platz zum Überwintern ihrer vielen Kübelpflanzen zu schaffen. Bob Baker liebte seine Frau und unterstützte ihren Gartenspleen, so gut er konnte.
Anne war sein Augenstern und er sehnte den Tag herbei, an dem auch er sich in den Ruhestand versetzen lassen konnte.
Alex hatte keine Mühe mit den großen Töpfen. Ein weißer und ein roter Oleander, Annes ganzer Stolz, bezogen ihren Platz im Wintergarten.
„Vielen Dank, Alex! Das war sehr lieb von dir! Eigentlich ist es bei uns viel zu kalt für Oleander, aber ich denke, sie haben sich schon daran gewöhnt. Dieses Jahr haben sie wunderbar geblüht.“
Alex nickte. Er hatte diesen Sommer viel von Anne Baker über Gartenpflege gelernt. Greg war an der Alaska Pipeline unterwegs und Alex fühlte sich für das Haus und den Garten verantwortlich. Er lebte gern hier und er tat, was immer er für nötig hielt. Sei es Brennholz für den Kamin und die Sauna zu schlagen, Bäume und Sträucher zu schneiden, Rasen zu mähen oder zu reparieren, was kaputt war.
Greg Burton hatte keinen Bezug zur Gartenarbeit und hatte das Grundstück mehr oder weniger verwildern lassen.
Anne hatte in Alex einen dankbaren Schüler gefunden. Sie mochten sich und halfen sich gegenseitig. Alex half Anne mit seinen kräftigen Armen und Anne gab ihm dafür jede Menge gute Tipps.
„Möchtest du einen Kaffee oder lieber Tee?“
„Ein Tee wäre gut. Wenn es keine Umstände macht?“
„Macht es nie. Komm mit in die Küche.“
Anne ging voran in ihre gemütliche Küche und Alex setzte sich an den langen Eichentisch, an dem selbst zehn Personen bequem Platz hätten. Er hatte schnell gelernt, dass das hierzulande ganz normale Dimensionen waren. Wenn es in Alaska etwas gab, dann war es Platz. Alles war groß! Die Häuser, die Autos, die Fernseher, die Betten, einfach alles.
„Wann kommt Bob zurück?“
„Erst am Dienstag, aber dann bleibt er für eine Zeit lang in Valdez.“
Bob Baker arbeitete im Außendienst und war deshalb oft auf Reisen. Anne mochte ihren Freiraum, aber seit sie selbst im Ruhestand war, fehlte er ihr oft sehr.
„Ich bin froh, wenn er es geschafft hat und auch zu Hause bleiben kann!“
Anne stellte ein Tablett mit Tassen, Zucker und Zitrone auf den Tisch und setzte sich zu Alex. Das Wasser auf dem Herd würde noch einen Moment brauchen, bis es kochte.
Auf dem Tisch lagen einige Werbeprospekte und Zeitschriften und ein auffälliges Blatt Papier, das sich beim zweiten Blick als ein Anmeldeformular vom ‚Valdez Beauty And Muscle Club‘ herausstellte. Alex fragte neugierig: „Hey Anne, bist du unter die Bodybuilder gegangen?“
Anne lachte. „Nicht direkt, aber ich habe mich bei Peggy Duncan für einen Gymnastikkurs angemeldet. Also, das heißt ja heute alles irgendwie anders, aber ich sage Gymnastik. Im Sommer hält mich der Garten auf Trab, aber im Winter muss ich mich selbst ein bisschen zwingen, um aus dem Haus zu gehen. Peggy hat den Club erst kürzlich gekauft. Das Haus stand länger leer, aber sie hat schon fast alles renoviert. Nur der große Raum mit diesen Foltermaschinen ist noch alt.“
Das klang wie Musik in Alexejs Ohren, dem das schlichte Fitnesstudio des Ex-Soldaten Popov fehlte, in dem es nach Männerschweiß, Talkumpuder und Schmierseife gerochen hatte.
„Wo ist diese Peggy Duncan?“
 Am Denali Drive, stadtauswärts. Da war vor dem Tankerunglück mit der ‘Exxon Valdez‘ die Fischfabrik. Ist keine so feine Gegend, aber dafür ist Peggy nicht so teuer wie das Studio im PWSC.“ „Für mich ist das Studio im College auch nicht das richtige. Vielleicht besuche ich Peggy Duncan mal.“ Anne stand auf um den Tee aufzugießen.
„Das machst du und sag ihr Grüße von mir.“
Mit einem Blick auf Alexejs inzwischen fast schulterlangen schwarzen Haare fügte sie an: „Sie schneidet übrigens auch Haare.“
Alex griff sich in seine Mähne und grinste. „Ich weiß. Sieht ganz schön wild aus, aber ich wollte sie einfach mal wachsen lassen. Ich hatte noch nie lange Haare.“
Anne lächelte ihn mütterlich an. „Ist ja auch deine Sache. Möchtest du ein Sandwich?“
„Nein danke. Tee reicht. Ich war mittags mit Hank im ‚Harbor Inn‘ zum Essen.“

 

Um neun Uhr hatte er ein Date mit Greg. Immer um die Zeit versuchten sie ein bisschen zu skypen. Alex hatte ein Feuer im Kamin gemacht, heiß geduscht und lag nun halb nackt auf dem Sofa. Der Abend war kühl, aber der Kamin heizte den Raum schnell mollig warm auf. Alex wusste, dass Greg Mühe haben würde, eine ruhige Ecke zu finden, um ungestört reden zu können. Sein Geliebter fehlte ihm. Sein Körper sehnte sich nach Gregs Wärme und nach ihrem Sex.

 

Alex versuchte vergeblich Greg zu erreichen und schickte ihm schließlich eine kurze Nachricht. Dann surfte er im Netz, um eine neue Arbeit zu finden. Wenn es auch nicht sehr überraschend für ihn gewesen war, dass Hank Springfield ihn über den Winter nicht weiter beschäftigen konnte, war es doch frustrierend. Alex wusste, dass es vielen so erging. Etliche Männer, die er über den Sommer im Hafen von Valdez kennengelernt hatte, brauchten über das Jahr zwei oder drei Jobs, um überleben zu können. Viele arbeiteten in der Ski-Saison an den Liften oder in den Hotels. Manche gingen in andere Städte, in irgendwelche Fabriken oder fuhren Truck oder zur See. Männer, die manches konnten, aber oft keine richtige Ausbildung hatten und deren sozialer Status immer schlecht bleiben würde. Das war auf keinen Fall die Zukunft, die Alex sich für sich selbst wünschte. Er hätte gern mit Greg darüber geredet, aber das würde warten müssen.
Kurz bevor Alex ins Bett gehen wollte, kam eine Antwort auf seine Nachricht von Gregory:
>>Hallo, mein Geliebter! Habe leider keine Zeit. Wir flicken schon seit Stunden an einem defekten Abzweiger. Ich stecke bis zu den Knien im Schlamm. Ich liebe Dich! <<

 

Alex antwortete ihm:>>Armer Ingenieur! Pass auf Dich auf! Ich liebe Dich auch! Bis morgen!<<

 

Er klappte den Laptop zu und ging frustriert ins Bett. Wieder mal ein einsames Wochenende. Alex sehnte sich nach dem Stadtleben. Nach unzähligen Möglichkeiten, die Zeit zu verbringen, egal was man dann letztendlich damit machte. Es waren die möglichen Alternativen, die zählten. Im Einschlafen nahm er sich vor, am nächsten Tag in das Studio von Peggy Duncan zu fahren. Er träumte von schwitzenden, gut gebauten, braun gebrannten Männerkörpern und wachte im Morgengrauen mit einer schmerzhaften Erektion auf.
Eigentlich hatte er sich fest vorgenommen, auf keinen Fall zu jammern oder zu klagen, aber heute Abend würde er Greg fragen, wann er denn endlich einmal zurück nach Valdez kommen konnte. Sein Freund fehlte ihm unsagbar. Ihre Gespräche, ihr gemeinsamer Sport, ihre Abende und ganz besonders die Nächte!

 

Gregory hatte in der Nacht, nachdem er endlich mit der Reparatur fertig war, eine Mail an Alex geschrieben. Alex fand sie beim Frühstück.
<<Hey, guten Morgen, mein Liebling! Ich weiß, dass Du jetzt gerade Tee trinkst und ich hoffe, dass Du gut geschlafen hast! Ich bin mit der ätzenden Reparatur fertig und denke an Dich. Es ist schon spät. Du fehlst mir so sehr Alex! Leider werde ich noch weitere zwei Wochen hierbleiben müssen. Ich wollte es Dir gestern Abend sagen. Es tut mir so leid! Ich weiß, dass Du dich allein fühlst und dass das schwer für Dich ist. Ich werde es wiedergutmachen! Bald! Ich liebe Dich! Greg<<


 

 

 Freunde?

 

 

 

Der Regen hörte den ganzen Vormittag nicht auf. Die Tropfen waren eiskalt und es schüttete unaufhörlich.
Alexej musste ein wenig suchen, bis er den Denali Drive fand. Ein kleines Industriegebiet mit einigen Maschinen- und Autohändlern, alten und neuen Werkstätten und kleinen Fabriken. Die ehemalige Fischfabrik war leicht zu erkennen. Ein riesiger stilisierter Lachs aus rostigem Eisen zierte noch immer den Dachgiebel des großen roten Backsteinbaus aus den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Über dem Tor prangte ein knallbuntes, neues Eingangsschild: ‚Valdez Beauty And Muscle Club‘
Alex mochte keine bunt gekleideten, schnatternden Frauen beim Sport, aber er sah auch ein, dass es hier in Valdez nicht sehr viele Alternativen gab, um Kraftsport auszuüben. Er hoffte darauf, dass die Damenwelt eher die angebotenen Kurse besuchen würden und die Gewichte den Männern blieben.
So schlicht und nüchtern die alte Fischfabrik von außen war, so bunt und exotisch dekoriert war sie von innen. Warme Luft und dezente Musik begrüßten Alex, als er eintrat. Die Architektur des Gebäudes war auch innen nur wenig verändert worden. Zur Linken befand sich in früheren Zeiten wohl einmal eine verglaste Pförtnerloge. Diese diente jetzt als Anmeldung für das Studio. Im ehemaligen Büro hatte Peggy Duncan einen kleinen Friseur- und Beauty-Salon untergebracht. Die Umkleideräume und Duschen befanden sich immer noch dort, wo sich auch die Arbeiter der Fabrik umgezogen hatten, und die riesige Produktionshalle hatten schon die Vorbesitzer in zwei Säle aufgeteilt. Einen für Gruppenkurse und einen mit Fitnessgeräten und Gewichten. Die großen, durch weiß gestrichene, eiserne Sprossen unterteilten Industriefenster nach Süden ließen genug Licht in die Räume. Die gegenüberliegende Wand war komplett verspiegelt, was den langgezogenen Räumen optisch mehr Tiefe gab. Der graue Nopflex Fabrikboden aus PVC war im Gymnastiksaal gegen helles Parkett ausgetauscht worden. Der Fitnessbereich sah noch genau so aus, wie ihn einige der ehemaligen Arbeiter, kurz nach der Schließung der Fabrik, vor Jahren eingerichtet hatten. Die Geräte stammten offensichtlich auch noch aus der Zeit. Und die langen Lampen hatten sicherlich auch schon über der Packstraße für frischen Fisch geleuchtet.
An der Anmeldung sah Alex eine große Hinweistafel, auf der alle Angebote des Studios aufgeführt waren. Danach gab es auch eine Sauna, ein Solarium und einen Jacuzzi. Die Wände im Anmeldebereich strahlten in allen Rot-Gelb und Orangetönen, die aus Farbtöpfen zu bekommen waren und der Boden war weich und angenehm mit Kunstrasen aus Filz belegt, der die Schritte dämpfte und die künstlichen Palmen und exotischen Blumen in großen Bodenvasen in Szene setzte. Alex grinste bei dem Gedanken, dass die Menschen in Alaska sich ganz offensichtlich genau so sehr nach bunten Farben und ein wenig Exotik sehnten wie die Menschen in seiner Heimat Sibirien. Dort war es eher das nahe Asien, hier die Inselwelt der Florida-Keys oder die Karibik, die die Dekorationen inspirierte.

 

Ein ausgesprochen hübsches Mädchen mit indianischen Gesichtszügen und pechschwarzen Haaren riss Alex aus seinen Gedanken. „Hi! Ich bin Kelly. Womit kann ich helfen?“
Sie hatte das perfekte, schneeweiße Lächeln, das wohl nur amerikanische Zahnärzte erschaffen konnten. „Hallo, Kelly. Ich bin Alex. Ich würde mir gern das Studio ansehen. Wenn das möglich ist?“
„Natürlich! Sehr gern! Du kannst dir alles ansehen! Möchtest du auch an unseren Kursen teilnehmen?“
Alex grinste breit. „Das weniger. Ich möchte nur Krafttraining machen.“
Kelly ließ einen anerkennenden Blick über seinen Body gleiten und flötete: „Das glaub ich dir sofort, dass du dich mit Gewichten auskennst! Wo hast du vorher trainiert? Im College?“
„Bei mir zu Hause. Ich bin neu in Valdez.“
Kelly gab ihm eine Infobroschüre und erklärte: „Du kannst heute alles ausprobieren und ich zeige dir das ganze Studio. Wenn du einen Vertrag machen willst, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Wir bieten individuelle Lösungen an. Das unterscheidet uns von der Konkurrenz.“
Alex blätterte kurz durch die Informationen und fragte dann: „Was meinst du mit individuell?“ Kelly war stolz auf das Konzept ihrer Mutter und legte es Alex ausführlich dar:
„Also, das ist so: Wir machen ganz normale Verträge mit monatlicher Beitragszahlung, so wie alle anderen auch. Aber wir haben auch ein einfaches Punktesystem für Sportler, die auf Montage arbeiten oder Wochen oder Monate auf See oder sonst wo im Einsatz sind. Die Punkte werden als Kontingent gekauft und können dann abtrainiert werden, je nachdem, wie man Zeit und Lust hat. Frauen kommen oft lieber im Winter. Männer, die auswärts arbeiten, kommen her, wenn sie in der Stadt sind. Für Krafttraining sind weniger Punkte fällig als für die Kurse, weil man da ja auch mehr Anleitung bekommt. Sauna, Sonne und Jacuzzi sind immer dabei. Sportgetränke auch. Eiweiß-Shakes kosten extra. Zum Testen kann man ein Punktekontingent kaufen und sich später für einen Vertrag entscheiden. Ganz nach Wunsch.“
Alex lächelte sie an und nickte. „Klingt fair.“
Kelly ging voran und zeigte Alex das Studio. Er sah, dass es längst nicht so perfekt und durchgestylt war wie die Konkurrenz, aber die Atmosphäre in der alten Fabrik gefiel ihm. Die Vorstellung, dass hier jahrzehntelang Männer hart gearbeitet hatten, ließ ihn über die bunten Dekorationen hinwegsehen. Die Halle mit den Fitnessgeräten war pur und ohne Schnörkel. Einige Männer trainierten und das vertraute, regelmäßige ‚Klonk‘, wenn Eisen auf Eisen trifft, gab Alex ein gutes Gefühl.
„Ok, jetzt hast du alles gesehen. Wenn du noch Fragen hast, helfe ich dir gerne. Oder du wendest dich an Ronny, unseren Trainer.“
Kelly schaute Alex offen ins Gesicht. Sie schien noch eine Frage zu haben, sagte aber nichts weiter. „Danke, ich denke ich werde schon klarkommen.“ „Gut, dann wünsche ich dir viel Spaß!“

 

Der Himmel war grau und der Regen platschte an die großen Fenster. Alex genoss es, seinen Körper zu spüren und probierte ein Gerät nach dem anderen aus. Im Prinzip war der Unterschied zu Popov minimal. Es tat so gut, etwas Vertrautes zu tun. Er konzentrierte sich und achtete nicht auf die anderen Sportler. Er kannte sowieso nur wenige Menschen in Valdez. Umso unerwarteter traf ihn der aggressive Ruf von hinten: „Ach du heilige Scheiße! Dürfen die dreckigen, schwulen Russen jetzt auch schon hier trainieren!?“
Alex streckte sich langsam zu voller Größe und drehte sich um. Ein übler Geruch nach altem Fisch stand wie eine Gaswolke zwischen ihm und Cole. Ein Hilfsarbeiter auf einem der wenigen Fischtrawler, die es im Hafen von Valdez noch gab. Einer, der alle und jeden hasste: die Schwarzen, die Latinos, die Iren, die Deutschen sowieso und besonders die Schwulen! Wäre er allein gewesen, hätte Alex ihm eine passende Antwort gegeben, aber er war nicht allein. Zwei seiner Freunde, ebenso grobschlächtig und übel riechend, standen neben ihm. Alex wollte sich auf keine Diskussion einlassen und einfach weggehen. So einfach wollten sich die drei den Spaß aber nicht verderben lassen. „Hey Süsser! Wie wär das: du bläst uns allen einen und dafür besorgen wir es dir mal so richtig gründlich, bis du nach Mütterchen Russland weinst!?“ Alexej war blitzschnell in Verteidigungshaltung mit erhobenen Fäusten!
„Cole! Du Sau! Was fällt dir ein, unsere Kunden zu beleidigen!“
„Oh! Der Trainer macht sich wichtig! Nur weil die alte Lesbe dich auf der Couch schlafen lässt, brauchst du dich hier nicht gleich so aufzuspielen!“
„Wen nennst du alt!?“
Alex hatte so eine tragende Stimme bei einer Frau noch nie gehört. Peggy Duncan war sehr groß, sehr blond und auch das pinkfarbene Top mit Glitzerschriftzug verdeckte nichts von ihrer athletischen Amazonen Gestalt.
„Ich hab dich was gefragt! Cole!“
Der große, plumpe Mann sackte in sich zusammen wie ein Luftballon. „Es ist nichts, M’am. Gar nichts.“
„Raus! Endgültig! Mitgliedskarte abgeben!“
„Sarge! Bitte!“ Sie schnaubte: „Geh mir aus den Augen!“ Cole beeilte sich den Raum zu verlassen. Seine Freunde fingen eine Diskussion mit Peggy an:
„Er ist nun mal ein grober Klotz, Sergeant. Er meint es doch nicht so!“
„Doch, er meint es so! Und ich hab endgültig die Nase voll davon. Im Übrigen reicht Mrs. Duncan!“
Die beiden schlichen ihrem Freund hinterher und Peggy Duncan wendete sich Alex zu.
„Hi, es tut mir sehr leid! Bitte nimm Cole und seine Kumpane nicht so ernst! Du bist sehr herzlich willkommen bei uns!“
Ihr Händedruck war fest und warm und ihre eisblauen Augen erinnerten Alex ein wenig an Gregs Augen. Der Trainer streckte ihm ebenfalls die Hand entgegen. „Ronald O’Melly.“
Alex hatte noch nie in seinem Leben grüne Augen gesehen und konnte seinen Blick fast nicht davon loseisen. Augen so grün wie ein tiefer Bergsee, oder frisches Moos im Frühling. Leuchtend und faszinierend. „Hi, Alex Urbano.“
Ronald war irritiert und sah abrupt weg. „Komm, ich lade dich auf einen Shake ein. Peg wird sicher noch ein Wörtchen mit den drei Herren wechseln wollen.“ Peggy nickte. „Das haben wir gleich! Mixt du mir einen Vanille-Shake? Ich komme sofort nach.“ Ronald deutete Alex mit einem kurzen Kopfnicken den Weg an und antwortete seiner Chefin: „Vanille-Shake! Sehr gern, M’am!“
Seine grünen Augen klebten an ihrem Hintern, aber Alex starrte nur auf seine feuerroten, kurzen Haare und den gut trainierten Body.

 

Als Alex später beim Abendessen saß, dachte er über seine neuen Bekannten nach: Über Peggy Duncan, die noch vor ein paar Monaten Drill Sergeant bei der Army gewesen war. Ronald O’Melly, der sie seit Jahren aus der Ferne anhimmelte und dankbar für den Job im Studio war, um die Zeit bis zu seiner Ausbildung zum Alaska State Trooper zu überbrücken. Alex hatte nicht ganz verstanden, woher sich die beiden genau kannten, aber offensichtlich war Ronald als Soldat in Afghanistan gewesen und war dort auch verwundet worden. Nun wollte er zur Polizei von Alaska. Seine interessanten roten Haare und die wunderschönen grünen Augen hatte er von seinen irischen Vorfahren geerbt.
Kelly sah ihrer Mutter überhaupt nicht ähnlich und Alex hatte erfahren, dass ihr Vater ein Native American war. Peggy hatte ihn nicht geheiratet und ihre Tochter allein großgezogen. Alex hatte Fragen zu seiner eigenen Herkunft beantwortet und auch von seinem früheren Beruf erzählt und von seiner Suche nach Arbeit für den kommenden Winter. Ronald mochte Alex ganz offensichtlich. Sie waren auf einer Wellenlänge und es war ein äußerst angenehmes Gespräch. Deshalb dauerte es nicht lange, bis Ron auch die eine Frage stellte, die Alex immer noch schwitzen ließ: „Wie kommt das Arschloch Cole darauf, dich schwul zu schimpfen?“
Alex hatte auf die Tischplatte gestarrt und nach seinem Selbstbewusstsein gesucht. Ron holte Luft, um sich für die indiskrete Frage zu entschuldigen, als Alex ihm in die Augen sah und leise sagte: „Ich lebe mit meinem Freund zusammen. Dafür hätten sie mich in Russland vielleicht eingesperrt. Ich bin froh hier zu sein.“
Er holte tief Luft. „Oder ist das jetzt ein Problem?“
Ronald schoss die Röte in die Wangen. Auch er war nicht ganz frei von Vorurteilen, aber er antwortete: „Quatsch. Kein Problem, hier.“

 

Ronald war ein schöner Mann. Alex dachte an seinen schönen Mann, der so weit weg in Prudhoe Bay an irgendwelchen Anlagen arbeitete und wieder einmal nicht zu erreichen war. Heute Abend würde er keine sehnsüchtige Mail schreiben. Er würde ihm ein unanständiges, sehnsüchtiges Selfie schicken, ohne weiteren Kommentar. Greg würde ihn auch so verstehen.


 

 

 Schlamm und Schnee

 

 

 

„Mr. Burton!“ Greg rührte sich nicht. Der Vorarbeiter rüttelte ihn noch mal.
„Boss! Mr. Burton!“ Gregory Burton war im Pausenraum der Kopf auf den Tisch gefallen und er schlief tief und fest. Es dauerte einige Minuten bis Derek Mulder ihn wach bekam. „Wir können ins Bett gehen, Sir! Das Ventil scheint jetzt dicht zu sein. Wir brauchen heute Nacht nicht mehr da raus.“ Greg streckte sich. „Danke, Derek! Auch fürs Wecken.“„Kein Ding, Boss. Sie sind einfach schon zu lange hier.“ „Wahrscheinlich hast du recht.“
Gregory schlich in sein Quartier. Alle Mitglieder seines Teams schlurften schweigend in ihre Betten. Jeder einzelne Knochen in seinem Körper schmerzte und die Schnitte und Schrunden an seinen Händen wollten gar nicht mehr heilen. Glücklicherweise hatte er ein Zimmer für sich allein. Es war schon lästig genug, die sanitären Einrichtungen teilen zu müssen.
Das Zimmer war winzig, aber er brauchte immerhin keinem anderen Mann beim Schnarchen zuzuhören. Obwohl Greg nichts und niemanden mehr hörte, wenn er einmal schlief.
Diese letzten Wochen in Schlamm und Schnee waren die Hölle auf Erden für Gregory Burton. Er konnte kaum noch zwischen Tag und Nacht unterscheiden und lebte wie eine Maschine nur von Einsatz zu Einsatz draußen in der unbarmherzigen Natur Nord-Alaskas. Böse Mächte schienen sich verbündet zu haben, denn immer wenn es schien, dass das Öl endlich ohne Probleme fließen konnte, kam die nächste Hiobsbotschaft von gebrochenen Bolzen, verklemmten Ventilen, undichten Verbindungen oder leckgeschlagenen Rohren. Alles in riesigen Dimensionen, draußen in der Dunkelheit, in Eiseskälte und tiefem Schlamm oder seit ein paar Tagen in schneidendem Schneegestöber. Dazwischen kämpfte er um jede Stunde Schlaf, derer er habhaft werden konnte und sei es mit dem Kopf auf dem Tisch im Pausenraum, während sie auf den nächsten Alarm warteten.
Jetzt schälte er sich aus Ölzeug und Thermo-Overall, der warmen Unterwäsche und den feuchtkalten Socken. Am liebsten hätte er auf die Dusche verzichtet und wäre sofort ins Bett gekrochen, aber er war so kalt und so unglaublich schmutzig, dass das unmöglich war. Das heiße Wasser machte alles ein wenig besser und während Greg den Wasserstrahl auf seinen Rücken prasseln ließ, dachte er über Dereks Worte nach. Es stimmte. Er war einfach schon zu lange hier. Die Arbeiter wurden gewöhnlich nach einer oder zwei Wochen abgelöst, aber für das leitende Personal galten andere Regeln. Greg hatte seine Grenzen des physisch Machbaren längst erreicht und fühlte sich wie auf Autopilot. Die Müdigkeit machte klares Denken für sein Privatleben schwierig. Er brauchte jedes kleinste bisschen Energie, um seine Aufgaben jetzt und hier erfüllen zu können.
Endlich im Bett, schaute er vor dem Einschlafen auf sein Handy. Diese Minuten des Tages gehörten ihm allein, nur diese. Die Mails, die Alex ihm schickte, waren der einzige Lichtblick in dieser eintönigen, zermürbenden, eisigen Hölle. Manchmal schafften sie es, wenigstens ein paar Minuten lang zu skypen. Es tat Greg so gut, Alex zu sehen, seine Stimme zu hören.
Die Gedanken an seinen schönen, liebenswerten, großartigen Freund halfen ihm immer wieder, auch noch den nächsten Tag zu überstehen. Heute hatte Alex nichts geschrieben, nur ein Bild geschickt. Es dauerte eine Weile, bis die Datei geladen war. Greg starrte auf das Foto und grinste breit, als er erkennen konnte, was das war.
Alex half sich selbst, mit seiner Sehnsucht. Das Bild zeigte nur seine Faust um seinen Schwanz, der groß, und geil, extrem gut getroffen war! Kleine Tropfen perlten aus seiner Spitze und Greg japste bei dem Gedanken, wie gut sich dieser Schwanz anfühlte. Er stöhnte laut: „Oh, Mann, Baby! Du fehlst mir auch!“ Dieses Bild war so scharf und Alex fehlte ihm so sehr, dass er sich fast wie ein Kind in den Schlaf geweint hätte, aber nur fast!
„Morgen! Morgen, Darling, werde ich regeln, dass ich nach Hause komme!“

 

***

 

„Ist ja gut, Greg! Reg dich nicht auf! Ich werde eine Lösung finden!“
„Das erzählst du mir jetzt schon seit Wochen! Schick mir eine Ablösung oder beweg selbst deinen Arsch hierher! Ich bin alle, Martin! Ich kann nicht mehr! Morgen steige ich in den Flieger! Das ist mein letztes Wort!“
Gregory pumpte vor Zorn und auch vor Verzweiflung. Er war am Ende seiner Kräfte und Martin Brooks, sein Chef, wollte ihn zum x-ten Mal vertrösten und überreden, doch noch ein paar Tage länger in Prudhoe zu bleiben. Derek Mulder, der Vorarbeiter, saß Greg gegenüber und wartete geduldig, bis er das Gespräch beendete. „Im Moment läuft alles. Wenn Martin wirklich niemanden schicken kann, kommen wir auch allein klar. Jedenfalls für ein paar Tage. Du brauchst ein paar Nächte richtigen Schlaf, Boss. Von mir aus flieg nach Hause und komm in einer Woche zurück.“ „Danke, Derek! Ich werde das so machen. Martin wird sauer sein, aber ich hab die Nase echt voll. Wann fliegt die Maschine?“
Derek blätterte in einem Kalender. „Morgen ist Donnerstag. Sie kommt um zehn an und fliegt um eins zurück.“ Gregory entspannte sich sichtlich.
„Das ist gut. Ich werde Ordnung in meine Berichte bringen und morgen Vormittag gehen wir die wichtigsten Sachen noch mal zusammen durch. Und um eins sitze ich in der Boeing und bin weg!“ Was er nicht laut sagte, war: Und um vier bin ich zu Hause, mit Alex im Bett und lass mich von ihm nageln, bis die Erde aufhört sich zu drehen!
Um ein Haar wäre es noch anders gekommen! Greg schaffte es nur ganz knapp, das Flugfeld zu erreichen. Er hatte weder Zeit sich zu duschen, noch sich zu rasieren oder umzuziehen, weil er doch noch mal raus an die Pumpstation musste. Aber er war nicht der Einzige.
Mehrere Arbeiter saßen im Overall, bärtig und abgehetzt in der Maschine. Das tat der Stimmung allerdings keinen Abbruch! Alle waren voller Vorfreude auf zu Hause und als die Stewardess das erste Bier seit Wochen servierte, war das Leben schon wieder ein wenig lebenswerter. Prudhoe Bay ist absolut alkoholfrei! Kein Bier und kein Bourbon am Ende des Dalton Highways für die schwer arbeitenden Männer der Öl Company. Erst auf dem Weg nach Hause dürfen sie es sich wieder schmecken lassen.

 

***

 

Alex zählte die Minuten! Erst in einer Stunde würde Gregs Maschine in Valdez landen. Alex hatte sich die ganze Woche freigenommen. Er wollte keine Minute ihrer kostbaren gemeinsamen Zeit verschenken. Greg hatte ihm eine kurze Nachricht geschrieben, dass die Maschine pünktlich landen würde. Alex kannte den Weg zum Flugfeld in Valdez inzwischen im Schlaf. Die Flugschule, die er wöchentlich besuchte, befand sich auch dort.
Jetzt trat er ungeduldig von einem Fuß auf den anderen und versuchte am Himmel die Boeing auszumachen, die ihm seinen Geliebten zurückbringen würde.
Heute war Donnerstag. Am Sonntag waren sie mit Emily und Harold zum Mittagessen verabredet und bis dahin würden sie das Haus nicht verlassen müssen …
Der Kühlschrank war voll und Alex hatte sich schließlich doch noch von Peggy Duncan die Haare schneiden lassen. Er hatte in den letzten Tagen hart trainiert und Sauna und Solarium hatten seine Haut geküsst. Er war mehr als bereit für die Liebe und konnte es kaum erwarten, Greg endlich wieder zu haben!

 

Peggy hatte seine Unruhe gespürt und ihn geschickt ein wenig ausgefragt, während sie seine inzwischen wilden schwarzen Haare in eine topmodische Frisur verwandelte, die einem Modell alle Ehre gemacht hätte. Alex machte keine Geheimnisse aus seiner Beziehung zu Gregory Burton und Peggy Duncan erzählte ihm auch einen Teil ihrer eigenen Geschichte.
Peggy hatte immer schon von einem eigenen Salon geträumt. Aber sie war schon als Teenager auffällig groß und kräftig, mit einer lauten durchsetzungsstarken Stimme. Zu groß, zu kräftig und zu laut.
Die typischen Frauentätigkeiten wie Haare schneiden oder Kosmetikbehandlungen trauten ihr weder Eltern noch Lehrer oder Klassenkameraden zu. Der Traum vom Salon wurde zunächst begraben und es brauchte nur ein einziges Gespräch mit der Anwerberin der Army bei einer Schulveranstaltung, um Peggy davon zu überzeugen, dass sie mit ihrer Statur und Größe bei der Armee ihren Platz finden würde. So war es dann auch für etliche Jahre. Sie wurde ein gefürchteter Drill Sergeant.
Als Kellys Vater in ihr Leben trat, war er der erste Mann, der groß genug und willensstark genug war, um ihr wirklich das Wasser reichen zu können. Sie waren für Monate ein super Team und er war ihre große Liebe. Dann war Peggy schwanger und er verschwand ohne jeden Kommentar und spurlos aus ihrem Leben.
Sie hat Kelly mit Hilfe ihrer Eltern allein großgezogen und sich nie mehr näher auf einen Mann eingelassen. Kelly war ein wunderschönes Abbild ihres Vaters und Peggy hatte ihn nie vergessen, aber nie mehr wiedergesehen. Nicht nur sie, sondern besonders auch die Tochter hatte darunter gelitten. Kelly versuchte mit allen Mitteln, ihren Vater zu finden, um ihn endlich kennenzulernen. Bis jetzt jedoch ohne Erfolg.
Alex hatte ebenfalls die Hautfarbe und die Gesichtszüge, die auf eine indianische Herkunft hindeuteten, aber er erklärte ihr schnell, dass seine Gene von der anderen Seite der Beringsee stammten. Und als die langen Haare abgeschnitten waren, kam ein ganz anderer Mann zum Vorschein. Peggy lächelte zufrieden und fragte: „Ist es gut so? Gefällt es dir?“
Er griff sich in den rasierten Nacken und antwortete: „Ja, sieht toll aus! Viel besser als früher!“
„Wieso? Wie hattest du die Haare sonst?“
Alexej freute sich auf Greg und er war in übermütiger Stimmung, also zeigte er Peggy ein Foto von sich und Greg und Sascha und Anatol. Boris hatte es gemacht, als sie alle Gregs Geburtstag gefeiert haben. Alex war in Uniform. Peggy fragte neugierig und ein wenig misstrauisch: „Du warst Soldat in Russland?“
„Polizist. Bei der Stadtpolizei in Irkutsk, Sibirien.“
„Dienstgrad?“ „Sergeant.“
Peggy schaute erstaunt. „Das ist ja interessant! Erzählst du mir mehr von dir und von Russland?“ Alex wunderte sich über ihr Interesse aber er war höflich.
„Sicher, wenn es dich interessiert. Aber jetzt muss ich gehen.“ „Okay, wir sehen uns!“
„Sicher!“ Er dachte länger über ihr Gespräch nach und wunderte sich über ihre Fragen, aber jetzt kam endlich die Boeing aus Prudhoe Bay in Sichtweite!


 Willkommen zuhause!

 

 

 

„Oh, Mann! Du siehst toll aus!“
Greg befreite sich aus Alexejs Umarmung, um ihn besser ansehen zu können.
Alex hätte ihn am liebsten gar nicht mehr losgelassen, aber sie wollten schnellstens nach Hause. Greg selbst sah aus wie Wasser, Milch und Spucke. Blass, schmal im Gesicht und seit mindestens zwei Wochen unrasiert. Zwischen seine blonden Haare hatte sich ein wenig Silber gemischt und um die Augen hatte er dunkle Ringe. Der Arbeitsoverall, den er trug, verstärkte noch das Gefühl von: ‚Entkommen aus dem Gulag‘, das Alex sofort befiel, als er seinen Freund die Gangway herunterkommen sah. Er war so glücklich Greg wiederzuhaben, dass es ihm gleichgültig war, ob sich irgendwer an der innigen Umarmung störte, mit der er seinen Geliebten empfing. „Du siehst so aus, als hätten sie dich ewig nicht richtig schlafen lassen!“
Greg protestierte nicht, als Alex ungefragt seine Tasche nahm und ging neben ihm her zum Parkplatz. „Ich könnte bis nächste Woche durchschlafen! Aber nicht sofort …“
Sie fuhren los und das Lächeln von Alexej sprengte fast sein Gesicht.
„Das Foto hat dir also gefallen?!“ „Ja, klar.“
Alexej konnte sich kaum auf die Straße konzentrieren, weil Gregs Hand in seinem Schoß spielte und seine Jeans sofort viel zu eng war. Als Greg den Reißverschluss öffnen wollte, schob Alex seine Hand weg. „Hey, nur noch zwei Minuten! Dann kannst du alles haben!“
„Alles, was ich will?“„Alles! Was willst du?“
Greg holte tief Luft. Die Lust auf Sex mit Alex kribbelte tief in seinem Bauch.
„Kannst du mich ficken, bis die Welt aufhört sich zu drehen?“
Alex grinste breit. „Bis du Engel singen hörst!“
Greg atmete hörbar ein. „Ich bin so geil auf dich! Du kannst dir nicht vorstellen, wie!“
Alex bog in ihre Einfahrt ein und stellte den Motor ab. Die Tasche blieb, wo sie war. Die Haustür fiel hinter ihnen ins Schloss und ohne ein weiteres Wort zu reden, zogen sie sich gegenseitig aus, bis zum Badezimmer. Küssten sich heftig, zerrten an Hosen, Hemden und Unterwäsche, stolperten über Schuhe und Strümpfe. Dann waren sie endlich beide nackt und unter dem warmen Strahl der Dusche. Für ein langes Bad war später noch Zeit … Oder morgen …
Alex sah den zerschundenen Körper seines Freundes mit Entsetzen. Die Unterarme übersät mit Blutergüssen in verschiedenen Stadien der Heilung, die Hände wund und an vielen Stellen zerschrammt. Ein faustgroßer, frischer blauer Fleck prangte auf dem linken Oberschenkel und der linke Daumennagel war blutunterlaufen.
Greg hielt seinen Kopf unter das heiße Wasser und genoss Alexejs Hände auf seinem Körper. So sanft wie möglich verteilte er den Seifenschaum und versuchte alle Stellen zu vermeiden, die offensichtlich mit schweren Werkzeugen oder Maschinenteilen kollidiert waren. In diesem Moment sah er mit eigenen Augen klar und deutlich, wie hart und gefährlich Gregs Arbeit war. Den störten die blauen Flecken im Moment gar nicht. Er wollte so schnell wie möglich ins Bett mit Alex und drängte ihm seine Erektion entgegen. Alexejs Faust schloss sich für einen Moment um Gregs harten Schwanz und ein lustvoller Laut kam tief aus Gregs Kehle, als die andere Hand seifig und glitschig zwischen seine Hinterbacken fuhr.
„Ahrr! Das ist so gut!“
Alex drehte das Wasser aus und griff nach zwei Handtüchern. Gregory bemerkte nicht, dass das ganze Haus blitzblank und das Bett frisch bezogen war.
Sein Blick war auf Alexejs nackten Körper fixiert und er gierte danach, diesen Körper auf und in sich zu spüren. Jetzt und sofort! Alex kannte diesen gierigen, unersättlichen Blick. Er würde nichts lieber tun, als Greg alles zu geben, was er haben wollte, und alles, was er selbst hatte! Bis zum letzten Tropfen!
Greg ließ sich auf den Bauch in ihr großes, bequemes Bett fallen. Alex drehte ihn um.
„Mach die Beine breit!“
Sein Gesicht dabei zu sehen war der Zuckerguss auf diesem Kuchen! Nie waren sie sich so nah wie beim Sex. Niemals sonst waren sie so sehr sie selbst, so frei und offen, ohne Netz und doppelten Boden, ehrlich und schutzlos. Unbedingtes Vertrauen und grenzenlose Lust.
„Ich brauch dich so sehr, Alex!“
„Alles, was du willst!“
Alexej küsste und leckte, knabberte und schmeckte Gregs Körper von oben bis unten. Markierte seinen Geliebten mit Küssen und kleinen Bissen, die Greg ungeduldig nach mehr knurren ließen.
Das Gel war kalt, aber nur kurz. Greg war eng und Alex war groß. Ohne ein bisschen Vorbereitung würde es nicht so werden, wie es sein sollte. Er schaffte es, sich mit einem Arm abzustützen und mit der anderen Hand gleichzeitig Gregs Hoden zu massieren und sachte seinen Anus zu dehnen. Gregs Schwanz war zum Bersten prall. Seine Hoden waren schwer und groß. Alex liebte es, die Lust in seinem Gesicht zu sehen und er genoss es unsagbar, dass er es war, der diese Lust auslöste. Greg drängte sich seiner Hand entgegen.
„Komm her! Bitte! Komm endlich her zu mir!“
Alex legte sich schwer auf ihn und eroberte Gregs Mund mit seiner Zunge. Er brauchte das alles so dringend: Riechen, Schmecken, Fühlen und Hören. Er sog jedes Wort, jedes Stöhnen, jeden tiefen Atemzug in sich auf und küsste Gregory lange und besitzergreifend. Sie rieben sich aneinander und ihre Lusttropfen mischten sich wie ihr Speichel. Alex musste sich darauf besinnen, nach dem Kondom zu greifen. Liebend gern hätte er einfach mit seinen Knien Gregs Beine noch ein wenig weiter auseinandergeschoben und auf das Gummi verzichtet. Er träumte davon, sich ohne Hindernis in den Körper seines Geliebten zu verströmen.
Greg half ihm und machte ihm Platz, indem er seine Hoden hochhob und den Blick auf seinen rosigen, verführerischen Anus freigab. Alex entkam ein tiefer kehliger Laut, als er in die samtig, heiße Enge eindrang. Sie hatten es beide so sehr vermisst und konnten die Erlösung kaum erwarten, jedoch war der Weg dorthin immer genauso wichtig wie das Ziel.
Greg liebte die Dominanz, die Alex im Bett ausstrahlen konnte. So konnte er sich einfach fallen lassen, genießen und alles nehmen, was Alex ihm so freigiebig schenkte. Die heiße Lust schoss durch seinen Körper und Alexejs warme, breite Brust beschützte und eroberte ihn gleichzeitig. Gregs lange Beine umschlossen Alexejs Hüften und Alex bewegte sich aufreizend langsam und massierte gezielt Gregs Lustzentrum, tief in seinem Körper.
„Stoß mich … richtig! Bitte …!“
Sein Flehen um Erlösung war wie Musik in Alexejs Ohren. Er würde seinen Geliebten in den Himmel schicken und sich selbst auch, aber noch nicht gleich …
So wie jetzt, Alex zwischen seinen Beinen, sein Gesicht vor Augen, zärtlich und liebevoll, war es zu sanft für Greg. Er brauchte mehr. Mehr von Alexejs Wildheit und Kraft, mehr pure und urtümliche Lust!
Ein unwilliges Knurren kam aus Gregs Kehle und Alex wusste, dass er keine Zeit mehr für ein langsames Liebesspiel hatte! Greg wollte es! Und er wollte es jetzt!
„Du willst es hart, du kriegst es! Dreh dich um!“
Hier hörte niemand ihr Stöhnen und ihre Lustschreie. Greg war immer laut, wenn er kam und Alex liebte seine ungezügelte Lust. Er wurde von den rhythmischen Kontraktionen seines Geliebten leer gepumpt und beide landeten schwer atmend und nass geschwitzt wieder auf der Erde, die sich ganz langsam weiterdrehte …
Alex lachte leise.
„Willkommen zu Hause, Malysch!“
„Ich liebe dich, Honey!“
Als Alex kurz darauf mit einem warmen, feuchten Waschlappen und einem Handtuch aus dem Bad zurückkam, schlief Gregory bereits tief und fest. Er deckte ihn zu und betrachtete sein entspanntes Gesicht. Gregory Burton war ein schöner Mann. Auch wenn man ihm jetzt die Strapazen der letzten Wochen deutlich ansah.
Alexej fragte sich, wie ihre Zukunft aussehen würde. Sollte das immer so weitergehen. Greg in der Weite Alaskas unterwegs und er selbst allein hier? Andererseits würde es nicht besser werden, wenn er als Pilot auch ständig unterwegs wäre. Dieses Land war groß und das Wetter war unberechenbar. Nicht gerade rosige Aussichten für eine Beziehung.
Sie würden irgendwann darüber reden müssen.

 

***Ende der Leseprobe***

 

 

 

Beide Teile der Geschichte um Alexej und Gregory finden Sie bei Amazon. Jeder Roman ist in sich abgeschlossen und kann auch für sich allein stehen, aber beide Seiten der Geschichte machen das Erlebnis komplett!

 

DRUSCHBA HEISST FREUNDSCHAFT  Gregory Burton geht zum arbeiten nach Sibirien, weil seine Firma aus Alaska einen guten Deal gemacht hat. Das er gerade dort den Mann trifft, mit dem er sein Leben teilen möchte, hat er nicht kommen sehen.

 

ALASKA Alexej kommt zu Greg nach Valdez, Alaska. Er hat seine Heimat, seine Arbeit als Polizist und seine Freunde zurückgelassen und sich für den Liebsten entschieden. Der aber stellt Alexej auf harte Proben und es ist völlig offen, ob sie es schaffen werden, dass Leben zu führen, von dem sie ja eigentlich beide träumen...

 


 

 



Leseprobe aus 'Männerliebe'

Er will unbedingt Profi werden. Es gibt ein Angebot für die zweite Bundesliga. Aber er ist nicht der Einzige auf der Liste.

 

„Vergiss es! Schwule spielen nicht in der Bundesliga, Süßer!“
„Ich bin nicht schwul! Arschloch!“    

 

 

 

Der Junge steht in einer schwarzen Nacht auf einer Brücke. Er ist verzweifelt und sieht keinen Ausweg. Aber er will nicht springen ohne sich vorher irgendjemand zu erklären. Die Nummer vom Sorgentelefon die er schon immer in seinem Telefonbuch hat, obwohl er sie noch nie brauchte, wird zum Hoffnungsschimmer in der Finsternis.

 

Ein spannendes Sportlerdrama im Fußballmilieu mit überraschenden Wendungen, einem sexy Physiotherapeuten, überragenden Mannschaftskameraden und natürlich, mit einem furiosen Finale und einem glücklichen Ende!

Für alle, die Fußball lieben, oder Fußballer ... 

 

1. Schwarze Nacht

 

 

 

Der Junge auf der Brücke, der verzweifelt auf sein Handy starrte, fiel niemandem auf. Der Tag war sonnig und heiß gewesen aber nach einem heftigen Gewitter, hatte sich die Luft deutlich abgekühlt. Es nieselte immer noch leicht. Die Nacht war stockfinster, kein Stern war zu sehen.
Die Innenstadt mit ihren Kneipen, Clubs und Diskotheken war weit weg. Niemand würde ihn hier aufhalten. Sein zerschmetterter, toter Körper würde erst irgendwann gefunden werden. Da unten, auf den stillgelegten Gleisen.
Es war ihm recht. Er wollte nicht aufgehalten werden.
Es gab sowieso kein Zurück mehr.
Alles war zu Ende.
Alles was er sich jemals erträumt hatte, war zerplatzt wie eine Seifenblase.
In einem Moment der Schwäche hatte er sich erwischen lassen. Und das ausgerechnet von Kevin, seinem größten Konkurrenten um den Platz in der  Profi Mannschaft des FC.

 

Er bekam den angewiderten Gesichtsausdruck nicht mehr aus dem Kopf. Noch schlimmer war nur gewesen, den Triumph in Kevins Gesicht wachsen zu sehen, als der kapierte, was das für ihn selbst bedeutete, was er da gesehen hatte.
Kevin hatte ein fieses Grinsen aufgesetzt, sich umgedreht und war gegangen. Er brauchte auch nichts zu sagen. Sein Sieg war komplett. Er hatte mit allen dreckigen Tricks gekämpft, die ihm zur Verfügung standen und nun war er am Ziel!

 

Der Junge war aus dem Club gerannt und war nicht eher stehen geblieben, bis er diese Brücke erreicht hatte. Jetzt starrte er auf das Display seines Telefons und suchte verzweifelt nach der einen Person, von der er sich verabschieden könnte. Irgendwie wollte er nicht springen ohne irgendjemandem zu sagen, warum. Warum es keinen anderen Weg gab. Warum alles zerbrochen war.
Noch vor ein paar Minuten, war er aufgeregt und zittrig gewesen aber jetzt analysierte er kühl die Situation und dachte an Robert Enke.
Der Freitod des Torhüters aus Hannover hatte ihn erschüttert, ihm aber auch Bewunderung abgerungen. Er hätte damals nur gern die genauen Gründe dafür gewusst. Es musste doch irgendwen geben dem er sich erklären konnte?

 

Mama? Nein, sie würde hysterisch schreien, auf ihn einreden und ihm überhaupt nicht zuhören. Wie sie ihm nie wirklich zugehört hatte. Und sie würde nichts,  aber auch gar nichts verstehen.
Papa? Niemals!
Urs in Luzern? Ja, mit dem würde er gerne reden. Der würde ein offenes Ohr haben und viel Verständnis, aber er hatte ihm schon genug wehgetan, nachdem er vor ein paar Wochen einfach ohne Abschied aus der Schweiz abgehauen war.
Die Erinnerung an den zärtlichen Schweizer ließ ihn zittern. Die Sehnsucht nach ihm, tat immer noch so weh wie ein frischer Schnitt.
Er hatte sich dagegen entschieden. Gegen Urs und gegen sich selbst. Gegen jeden Gedanken an ein anderes Leben.
Der Traum vom Profi-Fußball stand über ALLEM! Seit seiner frühesten Jugend hatte er auf so vieles verzichtet um dieses Ziel zu erreichen. Da erschien es ihm nicht einmal ungewöhnlich auch auf die Liebe mit Urs zu verzichten. Schwule spielen nicht in der Bundesliga! Zumindest keiner der offen damit ist. Er wollte sich nicht outen! Niemals!
Aber gewusst hatte er es schon lange. Die Gesellschaft von Mädchen war ihm immer unangenehm und niemand störte sich daran, dass er sich auf den Verein konzentrierte. Seinen Eltern war es nur recht, dass er seinen Sport liebte. Der Vater unterstützte seine Pläne im Fußball eine echte Karriere anzustreben mit allen Kräften. Die andere Seite der Medaille war aber, dass der Junge sich immer wieder in seine Mannschaftskameraden oder seine Trainer verliebte. Anfangs war es Bewunderung und Freundschaft aber als er mit vierzehn anfing von Sex zu träumen, wurde ihm sehr schnell klar, dass er seine Wünsche für sich behalten musste.
Er tat das, was jeder junge Fußballer macht. Er hängte seine Idole an die Wand seines Zimmers. Das war normal.
Was er fühlte wenn er die Poster ansah, die Bilder der Umarmungen beim Torjubel seiner Lieblingsmannschaft und den nackten Oberkörper von Ronaldo, das versteckte er tief in seinem Innern und redete mit niemandem darüber. Sein Vater hasste Schwule. Das hatte der Junge ihn oft genug und laut genug sagen hören. Und seine Mutter war so beschäftigt mit der kleinen Schwester, dass der Junge immer das Gefühl hatte sie zu stören, wenn er mit ihr reden wollte.

 

Dann verletzte er sich beim letzten Spiel der Saison am linken Knie.
Nicht sehr schwer. Ein kleiner Teil vom Meniskus musste entfernt werden und um kein Risiko einzugehen, schickte ihn sein Vater in eine Sportklinik nach Luzern in die Schweiz, zur Nachbehandlung.
Urs war dort Physiotherapeut. Ein Mann mit magischen Händen, nicht so grob und unsensibel wie es der Junge von der Mannschaftsbetreuung zuhause kannte. Es dauerte ein paar Behandlungen, bis der Junge auftaute, aber Urs hatte schon am ersten Tag gefühlt, dass er so war, wie er selbst. Der Junge sah den Gay-Pride Anhänger, an der Halskette der Schweizers erst nach einer Woche aber er spürte von der ersten Berührung an, die Wärme und Zuwendung die Urs durch seine Hände in seinen Körper fließen ließ.
Urs redete nicht viel bei seinen Behandlungen aber er sah das Wohlbehagen, das er erzeugte. Der Junge wäre fast vor Scham gestorben, als er bei einer Oberschenkelmassage, eine Erektion bekam und der Schweizer ihn mit einem warmen Klang in der Stimme leise fragte:
„Ist das schön für dich?“
„En…Entschuldigung…ich, ich…weiß nicht…“
Am Abend dieses Tages hatten sie ihr erstes Date. Der Junge war kein Feigling und er war genau so scharf auf Sex wie alle jungen Männer in seinem Alter. Er wollte es wissen. Er war weit weg von zuhause. Niemand kannte ihn hier und sie waren diskret. Urs machte aus seinen Vorlieben kein Geheimnis. Er war erwachsen und offen. Aber er respektierte die Ängste, die der Junge hatte. Es waren unglaublich schöne Erfahrungen und tiefe, verwirrende Gefühle die den Jungen in seinem Innersten aufwühlten.  
Dass es so unglaublich wehtun würde, diese erste Liebe hinter sich zu lassen, hatte der Junge nicht erwartet. Der Schmerz hatte bis heute nicht ganz verlassen. Jede Minute dachte er an die wenigen Tage, die sie zusammen hatten. Urs hatte ihn auch nicht vergessen. Er schrieb ihn immer noch an, obwohl er keine Antworten bekam. Es war offensichtlich auch für den Schweizer ein wenig mehr gewesen als ein kleiner Flirt. Die intensiven Gefühle kamen immer wieder hoch, so sehr der Junge auch versuchte, den Mann mit den sensiblen Händen zu vergessen.
Urs, der Bär. Dabei hatte er so gar nichts von einem Bären. Im Gegenteil. Sein Körper war schlank und grazil, seine Haare weich wie Seide und seine Hände schmal wie die eines Künstlers. Zauberhände.
Er starrte auf das Bild des lächelnden, wunderschönen Gesichtes des Schweizers mit den strahlenden blauen Augen, auf seinem Display und flüsterte zärtlich:
„Verzeih mir, mein Geliebter, bitte! Du warst das Beste in meinem Leben.“ Die Büchse der Pandora, seiner eigenen Sexualität war nicht mehr zu verschließen gewesen, nachdem sie einmal geöffnet war. Und genau das, hatte ihn in diese beschissene Lage und auf diese Brücke gebracht.

 

 

 

Daniela wusste nie vorher, was sie in den Nächten von Samstag auf Sonntag erwartete. Niemand wusste, wann die Einsamen oder Verzweifelten bei der Telefonhilfe anriefen. Nur das es oft in der Nacht war. Dann wenn der alte Tag schon lange vorbei war und der Sonnenaufgang noch weit. Dann wenn der Mensch sich allen Sorgen und Probleme ganz allein und verloren gegenübersieht.
Jeder kennt solche Nächte. An oder in Krankenbetten, an Theken oder schlaflos im eigenen Bett. In langen, endlosen Stunden voller Verzweiflung, Angst und Einsamkeit. Manchmal waren die Sorgen einfach zu beheben. Mit einem guten Wort oder einem guten Rat, einer Telefonnummer oder einer Adresse. Oft aber wurde in den anonymen Gesprächen deutlich, dass es nicht ohne weitergehende Hilfe gehen würde. Manchmal erfuhren die Frauen und Männer, die ehrenamtlich in der Zentrale der Telefonhilfe arbeiteten, was aus ihren Schützlingen geworden war. Manchmal riefen sie öfter an.
Daniela öffnete nach dem Gewitter das Fenster weit, um die frische, klare Luft in das stickige Büro zu lassen. Sie schaltete das Decken Licht aus, um die Mücken nicht anzulocken. Eine kleine Lampe auf dem Schreibtisch und eine Kerze auf dem Tischchen neben der Couch warfen Schatten an die Wände.
Jemand hatte vor Jahren, spirituelle Weisheiten an die Wand gepinselt. Es war eine schöne Handschrift und es war eine bunte Mischung der verschiedensten Lebensweisheiten. Die Lakota Indianer waren genauso vertreten, wie Konfuzius, Buddha und der Dalai Lama.
Dieses Büro gehörte zu einer christlichen Organisation, deshalb waren auch Theresa von Avila und der heilige Franziskus mit dabei. Daniela mochte den Satz aus dem Sonnengesang von Franz von Assisi:
Und am Abend, wenn es dunkel wird, sollte jeglicher Mensch Gott loben für Bruder Feuer; denn ihm verdanken wir’s, dass unseren Augen die Nacht erhellt wird.
Das Licht der Kerze flackerte über die Wand. Daniela lächelte und lobte in Gedanken, Gott für den ‘Bruder‘ Feuer.
Sie war immer in der Nacht von Samstag auf Sonntag hier. Die Nacht der Woche, in der sie selbst nicht so gern allein zuhause war.

 

Seit einem Jahr kam sie an den Wochenenden hierher und hörte den Menschen zu, die Hilfe suchten.
Die Kollegen waren nett und die Schulungen die sie bekommen hatte, waren interessant und lehrreich gewesen. Jeder der eine schwere Nacht an diesem Telefon verbracht hatte, wurde von den Kollegen aufgefangen und besonders dramatische Fälle wurden im Team besprochen.
Es hatte ihr geholfen, dass sie einmal Sozialpädagogik studiert hatte. Zwar waren schon kurz nach dem Abschluss, zuerst ihre Tochter und dann ihr Sohn geboren worden und sie war für Jahre Hausfrau und Mutter gewesen, aber das einmal Gelernte kam ihr nun zugute.
Als die eigenen Kinder ihre Hilfe nicht mehr brauchten, machte Daniela sich auf die Suche nach einer Aufgabe. Sie hatte genau die Richtige gefunden.
Dieses Telefon war ursprünglich als Sorgentelefon, für Kinder und Jugendliche konzipiert worden. Allerdings klebten die Aufkleber mit der Nummer auch in vielen Diskotheken und Kneipen. So das oft auch Erwachsene anriefen. Erstaunlicherweise, oft Männer mittleren Alters, die es nie gelernt hatten über ihre Ängste oder ihre Gefühle zu sprechen und denen es offensichtlich anonym am Telefon leichter fiel, ihr Herz auszuschütten.
Daniela hatte die Kunst des Zuhörens zur Perfektion gebracht.
Heute Abend war es ruhig gewesen, beängstigend ruhig. Sie hatte eine Geburtstagskarte an ihren Sohn in Hamburg geschrieben und das letzte Kapitel eines schaurigen und sehr spannenden, schwedischen Krimis gelesen.
Nun räumte sie den Schreibtisch auf und ordnete die Listen mit den Telefonnummern und Adressen von Selbsthilfegruppen, Behörden und den verschiedensten Organisationen. Ihre Gedanken gingen auf  Wanderschaft.
Sie plante in ihrem Kopf die kommende Woche und gerade als sie sich eine Liste anlegen wollte, läutete das Telefon:
„Sorgentelefon, mein Name ist Daniela. Wie kann ich helfen?“
Ihre Stimme klang viel jünger als sie wirklich war und sie strahlte Wärme und Ruhe aus. So hatte man es Daniela mehr als nur einmal gesagt und sie bemühte sich immer um diese Ausstrahlung, um die Anrufer nicht zu verschrecken.
Trotzdem kam es häufig vor, dass Menschen die ihre Hilfe brauchten, der Mut verließ und sie es manchmal erst beim zweiten oder dritten Anruf schafften, wirklich etwas zu sagen.
Dieses Mal meldete sich jedoch sofort eine junge, männliche Stimme. Die Verbindung war nicht besonders gut. Wahrscheinlich rief der junge Mann von seinem Handy aus an.
„Hallo. Ich möchte meinen richtigen Namen nicht sagen.“
Seine Stimme war tief aber man hörte deutlich die Jugend.
„Das musst du auch nicht. Wie soll ich dich nennen? Oder soll ich lieber ‚Sie‘ sagen?“
„Du, ist ok.“
„Ist gut. Wie kann ich dir helfen?“
Daniela hörte ein paar tiefe Atemzüge:
„Weißt du, ich bin Fußballer.“
Daniela wusste nicht sehr viel über Fußball aber genug um ein klein wenig mitreden zu können, wenn das Gespräch darauf kam. Der Junge kam gleich zum Thema:
„Ich bin Fußballer aber ich bin auch schwul …“
Er stockte, schluckte und würgte hörbar an dem Wort, so als habe er diesen Satz noch niemals laut ausgesprochen. Daniela hörte zu. Sie versuchte sich sie Situation in der sich der Junge gerade befand vorzustellen.
Zuhören ist wichtiger als selbst zu reden. Fragen ist besser als etwas Falsches zu vermuten. Sie fragte vorsichtig:
„Ich vermute mal, dass da dein Problem liegt?“
„Ja, sicher! Fußballer sind niemals schwul! Oder hast du schon mal was von einem schwulen Kicker in der Bundesliga gehört?!“
Das hatte Daniela nicht.
„Willst du es mir erzählen?“
„Ich will mich nur verabschieden.“
„Was meinst du genau?!“
Panik kroch Daniela eiskalt den Rücken hoch. Ihr Nacken verspannte sich. Sie ahnte, wovon der Junge sprach. Innerlich mahnte sie sich selbst zur Ruhe. Zumindest hatte er hier angerufen bevor … Daniela wollte den Gedanken nicht zu Ende denken:
„Bist du zuhause?“
„Nein.“
„Sagst du mir wo du bist?“
„Das spielt keine Rolle.“
„Willst du darüber reden? Soll ich dir einfach nur ganz ruhig zuhören?“
Ihre Hoffnung war, dass es gut war, dass er angerufen hatte und seinen, was auch immer es war, Plan nicht einfach ausgeführt hatte:
„Du spielst in der Bundesliga?“
„Fast. Es gibt ein Angebot. Gab. Für die zweite Liga.“
Daniela hörte Schritte und flache Atemzüge. Sie vermutete, dass der Junge irgendwo draußen auf und ab, lief während sie sprachen.
Sie hörte das Adrenalin förmlich in seiner Stimme.
„Ich kann so nicht weitermachen. Kevin hat mich gesehen. Der Trainer bringt mich um! Und wenn der es nicht macht, dann erschlägt mich mein Vater! Es ist sowieso egal. Fußball ist mein Leben und alles wofür ich die ganzen Jahre gekämpft und hart trainiert habe ist jetzt sowieso kaputt. Ich mach Schluss! Ich will den ganzen Scheiß nicht mehr!“

 

 „Du?“

 

Die weiche Stimme der Frau kam ganz nah an ihn heran.
„Ja.“
„Wie alt bist du?“
Er schluckte:
„Neunzehn.“
„Schule schon fertig?“
„Abitur. Nicht so besonders gut, aber bestanden.“
„Glückwunsch.“
„Danke.“
Die Antwort war ganz automatisch gekommen. Der Junge war gut erzogen. Hatte das Abitur. Darin lagen doch so viele Möglichkeiten. Offene Wege, Chancen. Daniela war gut darin, Bilder in den Köpfen anderer zu malen, Türen und Fenster zu anderen, neuen Ebenen zu öffnen:
„Schon mal über ein Sportstudium nachgedacht, oder ein Jahr im Ausland?“
„Ja, sicher. Nach der Profikarriere aber daraus wird ja nun nichts mehr.“
„Wegen Kevin? Wer ist Kevin und was ist genau passiert?“

 

Er setzte sich auf die Bordsteinkante und sagte leise:
„Ok, hör zu. Das war so."

 

 

 

*Ende der Leseprobe*