Leseprobe aus Reg Dixon's neuem Roman!

Er will unbedingt Profi werden. Es gibt ein Angebot für die zweite Bundesliga. Aber er ist nicht der Einzige auf der Liste.

 

„Vergiss es! Schwule spielen nicht in der Bundesliga, Süßer!“
„Ich bin nicht schwul! Arschloch!“    

 

 

 

Der Junge steht in einer schwarzen Nacht auf einer Brücke. Er ist verzweifelt und sieht keinen Ausweg. Aber er will nicht springen ohne sich vorher irgendjemand zu erklären. Die Nummer vom Sorgentelefon die er schon immer in seinem Telefonbuch hat, obwohl er sie noch nie brauchte, wird zum Hoffnungsschimmer in der Finsternis.

 

Ein spannendes Sportlerdrama im Fußballmilieu mit überraschenden Wendungen, einem sexy Physiotherapeuten, überragenden Mannschaftskameraden und natürlich, mit einem furiosen Finale und einem glücklichen Ende!

Für alle, die Fußball lieben, oder Fußballer ... 

 

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1. Schwarze Nacht

 

 

 

Der Junge auf der Brücke, der verzweifelt auf sein Handy starrte, fiel niemandem auf. Der Tag war sonnig und heiß gewesen aber nach einem heftigen Gewitter, hatte sich die Luft deutlich abgekühlt. Es nieselte immer noch leicht. Die Nacht war stockfinster, kein Stern war zu sehen.
Die Innenstadt mit ihren Kneipen, Clubs und Diskotheken war weit weg. Niemand würde ihn hier aufhalten. Sein zerschmetterter, toter Körper würde erst irgendwann gefunden werden. Da unten, auf den stillgelegten Gleisen.
Es war ihm recht. Er wollte nicht aufgehalten werden.
Es gab sowieso kein Zurück mehr.
Alles war zu Ende.
Alles was er sich jemals erträumt hatte, war zerplatzt wie eine Seifenblase.
In einem Moment der Schwäche hatte er sich erwischen lassen. Und das ausgerechnet von Kevin, seinem größten Konkurrenten um den Platz in der  Profi Mannschaft des FC.

 

Er bekam den angewiderten Gesichtsausdruck nicht mehr aus dem Kopf. Noch schlimmer war nur gewesen, den Triumph in Kevins Gesicht wachsen zu sehen, als der kapierte, was das für ihn selbst bedeutete, was er da gesehen hatte.
Kevin hatte ein fieses Grinsen aufgesetzt, sich umgedreht und war gegangen. Er brauchte auch nichts zu sagen. Sein Sieg war komplett. Er hatte mit allen dreckigen Tricks gekämpft, die ihm zur Verfügung standen und nun war er am Ziel!

 

Der Junge war aus dem Club gerannt und war nicht eher stehen geblieben, bis er diese Brücke erreicht hatte. Jetzt starrte er auf das Display seines Telefons und suchte verzweifelt nach der einen Person, von der er sich verabschieden könnte. Irgendwie wollte er nicht springen ohne irgendjemandem zu sagen, warum. Warum es keinen anderen Weg gab. Warum alles zerbrochen war.
Noch vor ein paar Minuten, war er aufgeregt und zittrig gewesen aber jetzt analysierte er kühl die Situation und dachte an Robert Enke.
Der Freitod des Torhüters aus Hannover hatte ihn erschüttert, ihm aber auch Bewunderung abgerungen. Er hätte damals nur gern die genauen Gründe dafür gewusst. Es musste doch irgendwen geben dem er sich erklären konnte?

 

Mama? Nein, sie würde hysterisch schreien, auf ihn einreden und ihm überhaupt nicht zuhören. Wie sie ihm nie wirklich zugehört hatte. Und sie würde nichts,  aber auch gar nichts verstehen.
Papa? Niemals!
Urs in Luzern? Ja, mit dem würde er gerne reden. Der würde ein offenes Ohr haben und viel Verständnis, aber er hatte ihm schon genug wehgetan, nachdem er vor ein paar Wochen einfach ohne Abschied aus der Schweiz abgehauen war.
Die Erinnerung an den zärtlichen Schweizer ließ ihn zittern. Die Sehnsucht nach ihm, tat immer noch so weh wie ein frischer Schnitt.
Er hatte sich dagegen entschieden. Gegen Urs und gegen sich selbst. Gegen jeden Gedanken an ein anderes Leben.
Der Traum vom Profi-Fußball stand über ALLEM! Seit seiner frühesten Jugend hatte er auf so vieles verzichtet um dieses Ziel zu erreichen. Da erschien es ihm nicht einmal ungewöhnlich auch auf die Liebe mit Urs zu verzichten. Schwule spielen nicht in der Bundesliga! Zumindest keiner der offen damit ist. Er wollte sich nicht outen! Niemals!
Aber gewusst hatte er es schon lange. Die Gesellschaft von Mädchen war ihm immer unangenehm und niemand störte sich daran, dass er sich auf den Verein konzentrierte. Seinen Eltern war es nur recht, dass er seinen Sport liebte. Der Vater unterstützte seine Pläne im Fußball eine echte Karriere anzustreben mit allen Kräften. Die andere Seite der Medaille war aber, dass der Junge sich immer wieder in seine Mannschaftskameraden oder seine Trainer verliebte. Anfangs war es Bewunderung und Freundschaft aber als er mit vierzehn anfing von Sex zu träumen, wurde ihm sehr schnell klar, dass er seine Wünsche für sich behalten musste.
Er tat das, was jeder junge Fußballer macht. Er hängte seine Idole an die Wand seines Zimmers. Das war normal.
Was er fühlte wenn er die Poster ansah, die Bilder der Umarmungen beim Torjubel seiner Lieblingsmannschaft und den nackten Oberkörper von Ronaldo, das versteckte er tief in seinem Innern und redete mit niemandem darüber. Sein Vater hasste Schwule. Das hatte der Junge ihn oft genug und laut genug sagen hören. Und seine Mutter war so beschäftigt mit der kleinen Schwester, dass der Junge immer das Gefühl hatte sie zu stören, wenn er mit ihr reden wollte.

 

Dann verletzte er sich beim letzten Spiel der Saison am linken Knie.
Nicht sehr schwer. Ein kleiner Teil vom Meniskus musste entfernt werden und um kein Risiko einzugehen, schickte ihn sein Vater in eine Sportklinik nach Luzern in die Schweiz, zur Nachbehandlung.
Urs war dort Physiotherapeut. Ein Mann mit magischen Händen, nicht so grob und unsensibel wie es der Junge von der Mannschaftsbetreuung zuhause kannte. Es dauerte ein paar Behandlungen, bis der Junge auftaute, aber Urs hatte schon am ersten Tag gefühlt, dass er so war, wie er selbst. Der Junge sah den Gay-Pride Anhänger, an der Halskette der Schweizers erst nach einer Woche aber er spürte von der ersten Berührung an, die Wärme und Zuwendung die Urs durch seine Hände in seinen Körper fließen ließ.
Urs redete nicht viel bei seinen Behandlungen aber er sah das Wohlbehagen, das er erzeugte. Der Junge wäre fast vor Scham gestorben, als er bei einer Oberschenkelmassage, eine Erektion bekam und der Schweizer ihn mit einem warmen Klang in der Stimme leise fragte:
„Ist das schön für dich?“
„En…Entschuldigung…ich, ich…weiß nicht…“
Am Abend dieses Tages hatten sie ihr erstes Date. Der Junge war kein Feigling und er war genau so scharf auf Sex wie alle jungen Männer in seinem Alter. Er wollte es wissen. Er war weit weg von zuhause. Niemand kannte ihn hier und sie waren diskret. Urs machte aus seinen Vorlieben kein Geheimnis. Er war erwachsen und offen. Aber er respektierte die Ängste, die der Junge hatte. Es waren unglaublich schöne Erfahrungen und tiefe, verwirrende Gefühle die den Jungen in seinem Innersten aufwühlten.  
Dass es so unglaublich wehtun würde, diese erste Liebe hinter sich zu lassen, hatte der Junge nicht erwartet. Der Schmerz hatte bis heute nicht ganz verlassen. Jede Minute dachte er an die wenigen Tage, die sie zusammen hatten. Urs hatte ihn auch nicht vergessen. Er schrieb ihn immer noch an, obwohl er keine Antworten bekam. Es war offensichtlich auch für den Schweizer ein wenig mehr gewesen als ein kleiner Flirt. Die intensiven Gefühle kamen immer wieder hoch, so sehr der Junge auch versuchte, den Mann mit den sensiblen Händen zu vergessen.
Urs, der Bär. Dabei hatte er so gar nichts von einem Bären. Im Gegenteil. Sein Körper war schlank und grazil, seine Haare weich wie Seide und seine Hände schmal wie die eines Künstlers. Zauberhände.
Er starrte auf das Bild des lächelnden, wunderschönen Gesichtes des Schweizers mit den strahlenden blauen Augen, auf seinem Display und flüsterte zärtlich:
„Verzeih mir, mein Geliebter, bitte! Du warst das Beste in meinem Leben.“ Die Büchse der Pandora, seiner eigenen Sexualität war nicht mehr zu verschließen gewesen, nachdem sie einmal geöffnet war. Und genau das, hatte ihn in diese beschissene Lage und auf diese Brücke gebracht.

 

 

 

Daniela wusste nie vorher, was sie in den Nächten von Samstag auf Sonntag erwartete. Niemand wusste, wann die Einsamen oder Verzweifelten bei der Telefonhilfe anriefen. Nur das es oft in der Nacht war. Dann wenn der alte Tag schon lange vorbei war und der Sonnenaufgang noch weit. Dann wenn der Mensch sich allen Sorgen und Probleme ganz allein und verloren gegenübersieht.
Jeder kennt solche Nächte. An oder in Krankenbetten, an Theken oder schlaflos im eigenen Bett. In langen, endlosen Stunden voller Verzweiflung, Angst und Einsamkeit. Manchmal waren die Sorgen einfach zu beheben. Mit einem guten Wort oder einem guten Rat, einer Telefonnummer oder einer Adresse. Oft aber wurde in den anonymen Gesprächen deutlich, dass es nicht ohne weitergehende Hilfe gehen würde. Manchmal erfuhren die Frauen und Männer, die ehrenamtlich in der Zentrale der Telefonhilfe arbeiteten, was aus ihren Schützlingen geworden war. Manchmal riefen sie öfter an.
Daniela öffnete nach dem Gewitter das Fenster weit, um die frische, klare Luft in das stickige Büro zu lassen. Sie schaltete das Decken Licht aus, um die Mücken nicht anzulocken. Eine kleine Lampe auf dem Schreibtisch und eine Kerze auf dem Tischchen neben der Couch warfen Schatten an die Wände.
Jemand hatte vor Jahren, spirituelle Weisheiten an die Wand gepinselt. Es war eine schöne Handschrift und es war eine bunte Mischung der verschiedensten Lebensweisheiten. Die Lakota Indianer waren genauso vertreten, wie Konfuzius, Buddha und der Dalai Lama.
Dieses Büro gehörte zu einer christlichen Organisation, deshalb waren auch Theresa von Avila und der heilige Franziskus mit dabei. Daniela mochte den Satz aus dem Sonnengesang von Franz von Assisi:
Und am Abend, wenn es dunkel wird, sollte jeglicher Mensch Gott loben für Bruder Feuer; denn ihm verdanken wir’s, dass unseren Augen die Nacht erhellt wird.
Das Licht der Kerze flackerte über die Wand. Daniela lächelte und lobte in Gedanken, Gott für den ‘Bruder‘ Feuer.
Sie war immer in der Nacht von Samstag auf Sonntag hier. Die Nacht der Woche, in der sie selbst nicht so gern allein zuhause war.

 

Seit einem Jahr kam sie an den Wochenenden hierher und hörte den Menschen zu, die Hilfe suchten.
Die Kollegen waren nett und die Schulungen die sie bekommen hatte, waren interessant und lehrreich gewesen. Jeder der eine schwere Nacht an diesem Telefon verbracht hatte, wurde von den Kollegen aufgefangen und besonders dramatische Fälle wurden im Team besprochen.
Es hatte ihr geholfen, dass sie einmal Sozialpädagogik studiert hatte. Zwar waren schon kurz nach dem Abschluss, zuerst ihre Tochter und dann ihr Sohn geboren worden und sie war für Jahre Hausfrau und Mutter gewesen, aber das einmal Gelernte kam ihr nun zugute.
Als die eigenen Kinder ihre Hilfe nicht mehr brauchten, machte Daniela sich auf die Suche nach einer Aufgabe. Sie hatte genau die Richtige gefunden.
Dieses Telefon war ursprünglich als Sorgentelefon, für Kinder und Jugendliche konzipiert worden. Allerdings klebten die Aufkleber mit der Nummer auch in vielen Diskotheken und Kneipen. So das oft auch Erwachsene anriefen. Erstaunlicherweise, oft Männer mittleren Alters, die es nie gelernt hatten über ihre Ängste oder ihre Gefühle zu sprechen und denen es offensichtlich anonym am Telefon leichter fiel, ihr Herz auszuschütten.
Daniela hatte die Kunst des Zuhörens zur Perfektion gebracht.
Heute Abend war es ruhig gewesen, beängstigend ruhig. Sie hatte eine Geburtstagskarte an ihren Sohn in Hamburg geschrieben und das letzte Kapitel eines schaurigen und sehr spannenden, schwedischen Krimis gelesen.
Nun räumte sie den Schreibtisch auf und ordnete die Listen mit den Telefonnummern und Adressen von Selbsthilfegruppen, Behörden und den verschiedensten Organisationen. Ihre Gedanken gingen auf  Wanderschaft.
Sie plante in ihrem Kopf die kommende Woche und gerade als sie sich eine Liste anlegen wollte, läutete das Telefon:
„Sorgentelefon, mein Name ist Daniela. Wie kann ich helfen?“
Ihre Stimme klang viel jünger als sie wirklich war und sie strahlte Wärme und Ruhe aus. So hatte man es Daniela mehr als nur einmal gesagt und sie bemühte sich immer um diese Ausstrahlung, um die Anrufer nicht zu verschrecken.
Trotzdem kam es häufig vor, dass Menschen die ihre Hilfe brauchten, der Mut verließ und sie es manchmal erst beim zweiten oder dritten Anruf schafften, wirklich etwas zu sagen.
Dieses Mal meldete sich jedoch sofort eine junge, männliche Stimme. Die Verbindung war nicht besonders gut. Wahrscheinlich rief der junge Mann von seinem Handy aus an.
„Hallo. Ich möchte meinen richtigen Namen nicht sagen.“
Seine Stimme war tief aber man hörte deutlich die Jugend.
„Das musst du auch nicht. Wie soll ich dich nennen? Oder soll ich lieber ‚Sie‘ sagen?“
„Du, ist ok.“
„Ist gut. Wie kann ich dir helfen?“
Daniela hörte ein paar tiefe Atemzüge:
„Weißt du, ich bin Fußballer.“
Daniela wusste nicht sehr viel über Fußball aber genug um ein klein wenig mitreden zu können, wenn das Gespräch darauf kam. Der Junge kam gleich zum Thema:
„Ich bin Fußballer aber ich bin auch schwul …“
Er stockte, schluckte und würgte hörbar an dem Wort, so als habe er diesen Satz noch niemals laut ausgesprochen. Daniela hörte zu. Sie versuchte sich sie Situation in der sich der Junge gerade befand vorzustellen.
Zuhören ist wichtiger als selbst zu reden. Fragen ist besser als etwas Falsches zu vermuten. Sie fragte vorsichtig:
„Ich vermute mal, dass da dein Problem liegt?“
„Ja, sicher! Fußballer sind niemals schwul! Oder hast du schon mal was von einem schwulen Kicker in der Bundesliga gehört?!“
Das hatte Daniela nicht.
„Willst du es mir erzählen?“
„Ich will mich nur verabschieden.“
„Was meinst du genau?!“
Panik kroch Daniela eiskalt den Rücken hoch. Ihr Nacken verspannte sich. Sie ahnte, wovon der Junge sprach. Innerlich mahnte sie sich selbst zur Ruhe. Zumindest hatte er hier angerufen bevor … Daniela wollte den Gedanken nicht zu Ende denken:
„Bist du zuhause?“
„Nein.“
„Sagst du mir wo du bist?“
„Das spielt keine Rolle.“
„Willst du darüber reden? Soll ich dir einfach nur ganz ruhig zuhören?“
Ihre Hoffnung war, dass es gut war, dass er angerufen hatte und seinen, was auch immer es war, Plan nicht einfach ausgeführt hatte:
„Du spielst in der Bundesliga?“
„Fast. Es gibt ein Angebot. Gab. Für die zweite Liga.“
Daniela hörte Schritte und flache Atemzüge. Sie vermutete, dass der Junge irgendwo draußen auf und ab, lief während sie sprachen.
Sie hörte das Adrenalin förmlich in seiner Stimme.
„Ich kann so nicht weitermachen. Kevin hat mich gesehen. Der Trainer bringt mich um! Und wenn der es nicht macht, dann erschlägt mich mein Vater! Es ist sowieso egal. Fußball ist mein Leben und alles wofür ich die ganzen Jahre gekämpft und hart trainiert habe ist jetzt sowieso kaputt. Ich mach Schluss! Ich will den ganzen Scheiß nicht mehr!“

 

 „Du?“

 

Die weiche Stimme der Frau kam ganz nah an ihn heran.
„Ja.“
„Wie alt bist du?“
Er schluckte:
„Neunzehn.“
„Schule schon fertig?“
„Abitur. Nicht so besonders gut, aber bestanden.“
„Glückwunsch.“
„Danke.“
Die Antwort war ganz automatisch gekommen. Der Junge war gut erzogen. Hatte das Abitur. Darin lagen doch so viele Möglichkeiten. Offene Wege, Chancen. Daniela war gut darin, Bilder in den Köpfen anderer zu malen, Türen und Fenster zu anderen, neuen Ebenen zu öffnen:
„Schon mal über ein Sportstudium nachgedacht, oder ein Jahr im Ausland?“
„Ja, sicher. Nach der Profikarriere aber daraus wird ja nun nichts mehr.“
„Wegen Kevin? Wer ist Kevin und was ist genau passiert?“

 

Er setzte sich auf die Bordsteinkante und sagte leise:
„Ok, hör zu. Das war so."

 

 

 

*Ende der Leseprobe*