Leseprobe aus meinem neuen Buch!

"Männerliebe"

 

 

 

Erik liebt seinen Sport und er liebt Männer. Beides kann er nicht haben. Oder vielleicht doch?

 

Der Junge auf der Brücke, der verzweifelt auf sein Handy starrte, fiel niemandem auf. Der Tag war sonnig und heiß gewesen, doch die Luft hatte sich nach einem heftigen Gewitter deutlich abgekühlt. Es nieselte noch immer leicht. Die Nacht war stockfinster.
Die Innenstadt mit ihren Kneipen, Clubs und Diskotheken war weit weg. Niemand würde hier vorbeikommen. Niemand würde ihn hier aufhalten. Alles was sie irgendwann von ihm finden würden, war sein toter, zerschmetterter Körper. Da unten, auf den stillgelegten Gleisen. Es war ihm recht. Er wollte nicht aufgehalten werden. Es gab sowieso kein Zurück mehr. Alles war zu Ende.
All seine Träume waren zerplatzt wie eine Seifenblase.
In einem Moment der Schwäche hatte er sich erwischen lassen. Und das ausgerechnet von Kevin, seinem größten Konkurrenten um den Platz in der  Profimannschaft des FC.

 

Er bekam den angewiderten Gesichtsausdruck nicht mehr aus dem Kopf. Noch schlimmer war nur der wachsende Triumpf auf Kevins Gesicht gewesen, als im dämmerte, was seine Beobachtung für ihn selbst bedeutete.
Mit einem fiesen, triumphierenden Grinsen hatte Kevin sich umgedreht und war einfach gegangen. Er brauchte auch nichts zu sagen. Sein Sieg war komplett. Er hatte mit allen dreckigen Tricks gekämpft, die ihm zur Verfügung standen und nun war er am Ziel!

 

Der Junge war aus dem Club gerannt und nicht eher stehen geblieben, bis er diese Brücke erreicht hatte. Jetzt starrte er auf das Display seines Telefons und suchte verzweifelt nach der einen Person, von der er sich verabschieden könnte. Aus irgendeinem Grund wollte er nicht springen, ohne jemandem zu sagen, warum. Warum es keinen anderen Weg gab. Warum alles sinnlos geworden war.
Noch vor ein paar Minuten, war er panisch und hektisch gewesen aber jetzt analysierte er kühl die Situation und dachte unwillkürlich an Robert Enke.
Der Freitod des Torhüters aus Hannover hatte ihn erschüttert, ihm aber auch Bewunderung abgerungen. Er hätte damals nur gern die genauen Gründe für diese drastische Entscheidung erfahren. Es musste doch irgendwen geben, dem er sich erklären konnte?

 

Mama? Nein, sie würde hysterisch schreien, auf ihn einreden und ihm überhaupt nicht zuhören. Wie sie ihm nie wirklich zugehört hatte. Und sie würde nichts,  aber auch gar nichts verstehen.
Papa? Niemals. Urs in Luzern? Ja, mit ihm würde er gern sprechen. Er würde ein offenes Ohr und vielleicht sogar Verständnis haben, aber er hatte ihm schon genug wehgetan, nachdem er vor ein paar Wochen einfach ohne Abschied aus der Schweiz abgehauen war.
Die Erinnerung an Urs, seine Zärtlichkeit und ihre gemeinsame Zeit ließ ihn zittern. Die Sehnsucht nach ihm, tat immer noch so weh wie ein frischer Schnitt.
Er hatte sich dagegen entschieden. Gegen Urs und gegen sich selbst. Gegen jeden Gedanken an ein anderes Leben.
Der Traum vom Profifußball hatte über allem gestanden! Seit seiner frühesten Jugend hatte er auf vieles verzichtet, um dieses Ziel zu erreichen. Da erschien es ihm nicht einmal ungewöhnlich auch auf die Liebe und Urs zu verzichten. Schwule spielen nun einmal nicht in der Bundesliga. Zumindest keiner, der offen damit ist. Er wollte sich niemals outen, aber gewusst hatte er es schon lange. Seinen Eltern war es nur recht, dass er seinen Sport liebte und seine Energie auf die Schule und den Verein konzentrierte. Wenn er für einen seiner Mannschaftskameraden schwärmte, versteckte er seine Gefühle. Anfangs war es Bewunderung und Freundschaft aber als er mit vierzehn anfing von Sex zu träumen, wurde ihm sehr schnell klar, dass er seine Wünsche für immer für sich behalten musste.
Er tat das, was jeder junge Fußballer macht. Er hängte seine Idole an die Wand seines Zimmers. Das war normal.
Was er fühlte, wenn er die Poster ansah, die Bilder der Umarmungen beim Torjubel seiner Lieblingsmannschaft und den nackten Oberkörper von Ronaldo, all das versteckte er tief in seinem Innern und sprach mit niemandem darüber. Doch heute hatte sich die Büchse der Pandora geöffnet. Er konnte sie weder verschließen, noch die Zeit zurückdrehen, um es zu verhindern. Und genau das hatte ihn in diese Scheißlage auf der Brücke gebracht.